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Die häufigsten Fragen zum Mordfall Hinterkaifeck

Hier finden Sie eine Sammlung zentraler Diskussionspunkte um den Mordfall Hinterkaifeck. Immer wieder besprochene Sachverhalte sind hier der Übersicht halber zusammengefasst.

Über die nachfolgenden Links springen Sie direkt zum jeweiligen Sachverhalt:

Inzestuöse Beziehung Viktoria Gabriel / Andreas Gruber
Viktoria und Karl Gabriel: Eine unglückliche Ehe?
Unterlagen und Aussagen zum Tod von Karl Gabriel
Intimes Verhältnis Lorenz Schlittenbauer / Viktoria Gabriel
Vaterschaft von Josef Gruber und entsprechende Prozesse
Spende von 700 Goldmark im Beichtstuhl
Nächtliche Suche nach Viktoria Gabriel bzw. Cäzilia Gruber
Münchner Zeitung am Waldrand; Spuren im Schnee
Der von Andreas Gruber dringend erwartete Brief
Möglicherweise vorhandene Schußwaffen auf HK und ihr Verbleib
Unbekannter am Friedhof von Waidhofen
Verlust des Haustürschlüssels von HK
Nächtliche Unruhe auf dem Dachboden
Schon vor der Tatnacht losgebundenes Rind
Der Mann mit der Taschenlampe / Feuer im Backofen
Zeugenaussagen über die Auffindung der Leichen
Sichergestellte Gelder, Pfandbriefe, Wertsachen und Sparbücher
Die Münchner Kriminalpolizei am Tatort
Die Ergebnisse der Obduktion
Der “Heuteppich” auf dem Dachboden
Die Tatwaffe(n)
Die fehlende Aussage von Pfarrer Haas
Die Ermittlungen gegen die Gebrüder Adolf und Anton Gump
Noch existierende Fotos von Hinterkaifeck bzw. den Bewohnern
Der Mordfall aus Profiler–Sicht

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Inzestuöse Beziehung Viktoria Gabriel / Andreas Gruber

Während seiner polizeilichen Vernehmung vom 31.3.1931 hat Lorenz Schlittenbauer ausgesagt, dass Viktoria Gabriel seiner verstorbenen Frau Viktoria gegenüber erwähnt habe, dass ihr Vater mit ihr seit ihrem 16. Lebensjahr, also seit 1903 eine geschlechtliche Beziehung habe.  Aus dem Protokoll:

"Es war ja allgemein bekannt, dass der alte Gruber mit seiner Tochter im Geschlechtsverkehr stand. Die alte Gruberin hat es ja zwar nicht erzählt, aber ihre Tochter, die Viktoria Gabriel. Diese war damals ca. 16 Jahre alt. Sie hat meiner ersten Frau erzählt, dass sie sich vor ihrem Vater nicht mehr halten könne, weil er immer Geschlechtsverkehr haben wolle."

Gemäß Urteil des Landgerichts Neuburg/Donau vom 28.5.1915 wurden Viktoria Gabriel und Andreas Gruber wegen Blutschande im Zeitraum von 1907 bis Sommer 1910 verurteilt und zwar wurde Viktoria zu einem Monat Gefängnis und Andreas Gruber zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Es ist nicht bekannt, wer das Strafverfahren durch eine Anzeige in Gang gebracht hat. Aus dem gerichtlichen Aktenzeichen 105/15 ist zu entnehmen, dass die Strafanzeige Anfang des Jahres 1915 erstattet worden sein muss.

Gemäß Anzeige des Lorenz Schlittenbauer vom 10.9.1919 soll Viktoria Gabriel auch 1918/1919 wieder Geschlechtsverkehr mit ihrem Vater gehabt haben. Im Protokoll von Staatsanwalt Pielmayer heisst es hier:

"Am 10.9.1919 zeigte Lorenz Schlittenbauer Viktoria Gabriel und Andreas Gruber wegen Blutschande an und machte geltend, dass ihm Viktoria Gabriel selbst zugestanden habe, dass sie Geschlechtsverkehr mit ihrem Vater gehabt habe."

Im Zeitraum vom 13.9.1919 bis ca.25.9.1919 saß Andreas Gruber wegen dieses Vorwurfs auch in Untersuchungshaft. Im Strafverfahren vor dem Landgericht Neuburg wurden sie 1920 jedoch freigesprochen.

Die Magd Kreszenz Rieger hat bei ihrer polizeilichen Vernehmung 1922 angegeben:

"Mir war bekannt, dass die junge Bäuerin mit ihrem Vater geschlechtlich verkehrte. Anläßlich eines Kirchgangs wurde ich von einigen jungen Burschen daraufhin aufmerksam gemacht, dass der alte Bauer mit der jungen Frau, also mit seiner Tchter geschlechtliche Beziehungen unterhalte. Mir war vorher von dieser Angelegenheit noch nichts bekannt und mir ist auch nichts aufgefallen, dass die beiden Zärtlichkeiten ausgetauscht hätten. Ich war damals dennoch neugierig und habe in der Folgezeit besonders aufgepasst. Eines Tages, es war im Frühjahr 1921, kam ich in den Stadel und wollte dem alten Gruber beim Aufladen eines Wasserfasses behilflich sein. Als ich dann in die Scheune kam, traf ich Gruber im Stroh liegend an, wie er gerade mit seiner Tochter Viktoria den Geschlechtsverkehr ausübte. Ich weiß bestimmt, dass ich damals von der Viktoria Gabriel gesehen wurde. Dies deshalb, weil sie mir nachher sagte, dass wenn sie das gewusst hätte, dass ich in den Stadel komme, sie sich ihrem Vater nicht hingegeben hätte. Bei anderer Gelegenheit hörte ich wie Andreas Gruber zu seiner Tochter, Frau Gabriel sagte, dass sie nicht heiraten brauche, denn solange er lebe ist er für "dies" da. Damit wollte er sagen, dass er seine Tochter in geschlechtlicher Hinsicht immer befriedigen werde. Als Gruber dies sagte, waren die beiden beim Instandsetzen des Taubenschlages im Getreideboden beschäftigt. Dies war nachdem ich die beiden vorher im Stadel bei der Ausübung des Geschlechtsverkehrs überrascht habe."

Josef Schrittenlocher, Landwirt aus Gröbern, sagte am 01.07.1952 folgendes aus:

"Mir ist vom Reden her bekannt, dass der alte Gruber mit seiner verwitweten Tochter Viktoria Gabriel, blutschänderische Beziehungen unterhalten hat. Ich war sogar Zeuge, wie Gruber seinerzeit auf der Wiese von der Gendarmerie verhaftet wurde."

Der Zeuge Michael Pöll hat bei seiner polizeilichen Vernehmung am 5.4.1922 angegeben:

"Allgemein im Orte ist bekannt, dass Gruber mit seiner ermordeten Tochter Vikoria Gabriel in geschlechtlicher Beziehung stand."

Sophie Fuchs, Klassenkameradin der kleinen Cilly, sagte am 14.2.1984 folgendes aus:

"Die Frau, die Cäzilia Gruber, die hat wirklich viel mitmachen müssen. Die hat genau gewusst, dass er zu der eigenen Tochter ein Verhältnis hat. Und wenn die Viktorie manchmal zum Wirt nach Gröbern reinkommen ist, dann hat sie der Wirt machmal gefragt was los ist, weil sie so z`rupft is. Dann hat die Viktorie gesagt, "Na ja, Du woaßt scho, was er immer mit mir macht."

Die Strafakten des Landgerichts Neuburg wurden unter den Aktenzeichen 105/15 bzw. 9/1920 geführt.


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Viktoria und Karl Gabriel: Eine unglückliche Ehe?

Viktoria und Karl Gabriel haben am 3.4.1914 geheiratet. Zuvor haben sie am 11.3.1914 vor dem Notar Stinglwagner in Schrobenhausen einen Ehe-und Erbvertrag (siehe auch hier) geschlossen. Aufgrund dieses Ehevertrags haben sie in allgemeiner Gütergemeinschaft gelebt. Kurz nach der Eheschließung war Viktoria Gabriel schwanger. Das gemeinsame Kind Cäzilia Gabriel ist am 9.1.1915 geboren, als Karl Gabriel bereits gefallen war.

Am 14.8.1914 wurde Karl Gabriel bereits ins Rekrutendepot Kösching eingezogen, so dass die Eheleute Gabriel nur rund vier Monate zusammengelebt haben.

Eine Anfrage beim Kriegsarchiv hat ergeben, dass der dort vorhandenen Stammrolle und dem noch vorhandenen Personalakt nicht zu entnehmen ist, ob Karl Gabriel sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat, weil eine solche Angabe in der Stammrolle nicht vermerkt wird und im nur zwei Seiten umfassenden Personalakt über eine freiwillige Meldung nichts erwähnt wird.

Allerdings hat eine weitere Nachfrage beim Kriegsarchiv ergeben, dass Karl Gabriel den Militärbehörden gegenüber als Wohnort Laag angegeben hat.

Das Karl Gabriel seine Ehefrau nach kurzer Ehezeit verlassen haben und vorübergehend zu seinen Eltern nach Laag zurückgekehrt sein soll, findet sich in der Aussage des Jakob Sigl vom 10.1.1952. Jakob Sigl äußert sich hier dahingehend, dass seiner Meinung nach das Ehepaar Gabriel nicht gut miteinander ausgekommen sei und dass Karl Gabriel die Viktoria Gruber in der Hauptsache deshalb geheiratet habe, weil auf dem Anwesen Hinterkaifeck "viel Sach und Geld" vorhanden war und Viktoria die einzige Tochter war.

Er gibt aber gleichzeitig an, dass er dieses nur vom Hörensagen weiß, da er zu der damaligen Zeit nicht in Gröbern, sondern in Brunnen gewohnt habe. Gleichsam gibt er an, dass sein Bruder Josef Sigl, der eine Gastwirtschaft in Schenkenau bei Hohenwart habe, nähere Auskunft zu dieser Frage geben könne, da dieser mit Karl Gabriel gut befreundet gewesen sei. Josef Sigl ist damals aber nicht mehr vernommen worden.


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Unterlagen und Aussagen zum Tod von Karl Gabriel / ”Der Mörder von Hinterkaifeck hat dich entlassen”

Mit einem Schreiben vom 29.04.1922 regte der Schrobenhausener Polizei-Oberwachtmeister Ludwig Meixl bei den ermittelnden Beamten in München an, aufgrund der bisher erfolglosen Ermittlungen den Tod von Karl Gabriel überprüfen zu lassen und stellt fest: “Die Umstände, unter denen die Mordtat begangen wurde, lässt die bestimmte Vermutung zu, dass der Täter mit den einschlägigen Verhältnissen aufs genaueste bekannt gewesen sein muss.” Meixl lag damals eine “im Schrobenhausener Wochenblatt seinerzeit erschienene Todesanzeige” vor, nach der Karl Gabriel am 12.12.1914 bei Neuville gefallen war.

Auf Anfrage wird vom Zentralnachweisamt für Kriegsverluste und Kriegsgräber mit Datum vom 02.05.1922 mitgeteilt: “Ers. Res. Karl Gabriel der 6. Komp. bayr. Res. Inf. Regt. 13 , geb. 16.12.88 zu Laag, Oberbayr., gefallen am 12.12.1914 bei Neuville (Arras, Nordfrankreich), liegt in der Schützengrabenstellung seiner ehem. Komp. beerdigt. Diese vorliegende Meldung trägt die Unterschrift des damaligen Regts. Kommandeurs, deren Richtigkeit kaum anzuzweifeln sein wird.” Für Unterlagen, die die aktive Dienstzeit betreffen, wird auf das Reichsarchiv, Zweigstelle Würzburg, verwiesen.

Der Witwe Viktoria Gabriel wurde mit Datum des 21.12.1914 der Tod ihres Mannes am 12.12.1914 bestätigt, noch Ende des Jahres 1914 dürfte von ihr beim Amtsgericht Schrobenhausen der Erbschein beantragt worden sein (Reg.Nr. 188/14).

Da die Ermittlungen im Mordfall Hinterkaifeck immer noch ergebnislos geblieben waren, wurde Ende 1923 beim Reichsarchiv, Zweigstelle Würzburg, angefragt, welche Soldaten seinerzeit mit Karl Gabriel im Feld gestanden hatten. Mit Datum vom 07.12.1923 wird der Tod von Karl Gabriel am 12.12.1914 bestätigt und es werden die Namen von 20 Kameraden des K.G. genannt, die gleichzeitig mit Gabriel am 08.12.1914 an die 6. Kompanie, R.I.R. 15 abgestellt wurden.

Die Befragungen dieser Soldaten zielten nicht darauf ab, den Tod des Karl Gabriel bestätigen zu lassen. Die Ermittler vermuteten, daß K.G. einem der Kameraden Details etwa zu den Vermögensverhältnissen der Hinterkaifecker mitgeteilt hätte, und daß einer dieser Soldaten als Täter in Frage kommen könnte. Die Polizeidienststellen der Heimatorte der Soldaten wurden gebeten, diese ausfindig zu machen, sie zu befragen, ob sie K.G. schon vorher oder erst im Felde kennengelernt hätten, ob sie die Ermordeten gekannt hätten und ob sie “seinerzeit irgendwelche Wahrnehmungen gemacht (haben), die möglicherweise mit dem Raubmord in Hinterkaifeck in Zusammenhang gebracht werden können, oder eventuell auf die Person des Täters schließen lassen.”

Die ehemaligen Soldaten Xaver Steger (Obereggenbach, BA Mallersdorf) und Ignatz Schmidl (Freinhausen, BA Schrobenhausen) gaben an, K.G. erst im Feld kennengelernt zu haben. Schmidl sagt aus, daß Gabriel “nicht das geringste von seiner Familie oder Vermögensverhältnissen erzählt” habe.

Ausführlicher – und über den vorgegebenen Fragenkatalog der Münchner Ermittler hinaus – äußert sich der Landwirt Sebastian Huber (Aigelsbach, BA Mainburg). Er könne sich an K.G. erinnern, dieser sei ein großer Mann gewesen, “gesichtsweise” habe er ihn schon im Rekrutendepot Kösching gekannt. Anfang Dezember seien sie dann mitsammen ins Feld abgestellt worden. Aus dem Protokoll der Aussage von Sebastian Huber vom 17.12.1923: “Am 11.12.14 seien sie in Nordfrankreich angekommen und am 12.12. abends habe er mit Gabriel auf Posten vorgehen müssen. In dieser Nacht, am 12./13.12. sei dann Gabriel gleich gefallen, so daß er im Schützengraben oder in Feindesland keinerlei Anknüpfungen hatte.”

Aufgrund der Befragung der Soldaten konnte auch einer der damaligen Vorgesetzten ermittelt werden. Josef Brunner aus Wurm(?)dorf (A.G. Rottenburg, Niederbayern), gab an: “Ich war Unteroffizier beim 15. Res. Inf. Rgt., 6. Komp., 3. Zug. Am 10.12.14 bin ich schon das 2. mal im Feld nachgerückt. An diesem Tage hat es bei Arras sehr vielen Leuten das Leben gekostet u. sohin kamen alle Tage andere Leute an die Feuerlinie. An Karl Gabriel kann ich mich ganz gut erinnern. Er war Ersatzreservist, wird wahrscheinlich erst anfangs Dezember ins Feld gekommen sein u. am 12.12.14 kam er in meinen Zug. Vormittags gegen 10h gingen wir in Stellung und um 12h ist er schon gefallen; ihn hat eine Mine getötet. Seinen Tod habe ich dem Feldwebel gemeldet u. deshalb ist mir der Name noch im Gedächtnis.”

1951 erscheint im “Donau-Kurier” in Ingolstadt eine zehnteilige Fortsetzungsgeschichte über den Mordfall Hinterkaifeck. Der Autor, Josef Ludwig Hecker, lenkt darin den Verdacht auf einen geheimnisvollen Unbekannten im Soldatenmantel, der die HKer schon in den Tagen vor der Tat vom Waldrand her belauert habe. Viktoria Gabriel habe befürchtet, daß dies ihr zurückgekehrter Ehemann sein könnte. Am Ende der Serie gibt er ein Gerücht wieder, daß angeblich in der Gegend von Waidhofen die Runde machte. Ein Soldat des Zweiten Weltkriegs ”will in Rußland (Anm.: in einem Gefangenenlager) von einem alten Russen, der ein tadelloses Deutsch sprach, nach seinem Heimatort gefragt worden sein. Der Gefragte nannte einen Ort im Kreis Schrobenhausen. Daraufhin verdüsterten sich die Züge des Russen. Er schwieg lange, dann fragte er den Gefangenen, ob ihm der Name Hinterkaifeck bekannt sei. Dieser bejahte. (...) Der alte Russe sagte kein Wort mehr. Sein grauer Blick verlor sich in die Weite des Landes. Dann wandte er sich um und ging langsam und mit gesenktem Kopfe hinweg.”

Aufgrund der Serie von Hecker meldete sich Matthäus Eser in der Redaktion des “Donau-Kurier”. Er behauptete, er habe Hinterkaifeck schon in seiner Kindheit gekannt und sei nach der Tat nach Auffindung der Opfer im Haus gewesen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs sei ihm in der Kriegsgefangenschaft ein etwa 55 Jahre alter Russe begegnet, der ihn über seine Heimat befragt und ihn dann mit zwei anderen Männern und einer Frau aus der Gefangenschaft entlassen habe: “Sag´dort (Anm.: in der Heimat), der Mörder von Hinterkaifeck habe dich entlassen!”

Matthäus Eser wird in der Folge seine Angaben – sowohl zu seinem Aufenthalt in Hinterkaifeck als auch zu seiner Entlassung aus der Gefangenschaft – komplett widerrufen. Bevor dies aber geschieht, läßt Staatsanwalt Dr. Andreas Popp in Waidhofen Erhebungen anstellen, was über den Tod von Karl Gabriel in Erfahrung zu bringen sei. Dr. Popp scheint für möglich gehalten zu haben, daß der russische Soldat mit K.G. personengleich gewesen sein könnte.

Sowohl der Landwirt Nikolaus Haas aus Rachelsbach als auch Josef Bichler aus Waidhofen bestätigen 1951 vorbehaltlos den Tod von Karl Gabriel. Bichler, der etwa 300 m von der Stellung des K.G. eingesetzt gewesen sei, sagt aus, daß er einige Zeit nach dem 12.12. – nach seiner Ablösung – von Kameraden dessen Tod erfahren hätte. Gabriel sei sofort tot gewesen, ”es war ein Minenschuß”. Am ersten Weihnachtsfeiertag sei er dann mit Haas zur benachbarten Einheit, um mehr über den Tod des K.G. in Erfahrung zu bringen. Beide hätten die Leiche gesehen.: “Sie (Anm.: die Leiche) lag auf dem Rücken. Die Stirn war leicht gespalten, der Mund war offen und man sah, daß auch das Unterkiefer verletzt war. Trotzdem aber war der Tote einwandfrei als Karl Gabriel zu erkennen.” Bichler habe damals der Witwe Viktoria Gabriel einen Brief geschrieben und sie bei einem späteren Heimaturlaub auch besucht.

Josef Bichler gibt ausserdem an, zu diesem Sachverhalt schon 1922 vom Polizeibeamten Goldhofer von Hohenwart befragt worden zu sein. (Anm.: Wenn es ein Protokoll dieser Aussage gegeben hat, dürfte dieses mit den Neuburger Akten der Staatsanwaltschaft 1944 in Augsburg verbrannt sein. Bei den Münchner Polizeiakten befindet sich keine Durchschrift.)

Sophie Fuchs, Gröbern, gibt am 14.02.1984 anlässlich einer Befragung durch Kommissar Konrad Müller folgende Darstellung: “Mei Schwiegervater, der Fuchs Michael, von Reichlsbach (Anm.: Rachelsbach?) und der Bichler von Waidhofen, die waren nämlich dabei, wie´s den Gabriel im 1. Weltkrieg eingrab´n ham. Damals ham´s nämlich alle immer von einer Ortschaft oder von einem Kreis in eine Kompanie g´steckt. Und dann sind bei diesen Schlachten oft sehr viele g´falln und damit war des für ein Dorf oft ein großer Verlust. Später hat man die Mannsleut in andere Kompanien verteilt.”

Die Aussage von Karl Bichler

Ich bin mit 5 nach Waidhofen gekommen und habe hier die Schule besucht.
Einer meiner Schulfreunde war Karl Gabriel. Er war ein Jahr jünger als ich.

Damals waren die siebten Klassen in zwei Räumen im Schulhaus untergebracht.

Am 14.8.1914 sind Karl und ich ins Rekruten-Depot Kösching bei Ingolstadt eingerückt. Ich selbst wurde am 3.11.1914 ins Feld abgestellt. Gabriel blieb zunächst beim Rekruten-Depot und kam erst am 10. oder 11.12. zur Abstellung.

Ich selbst habe Gabriel jedenfalls am 13.12.1914 bei einem Feldgottesdienst in Vincy in Nordfrankreich getroffen.
Ich war damals bei der siebten und Gabriel bei der sechsten Kompanie des 13. Bayerischen-Reserve-Infanterie-Regiments.
Ich habe an diesem Tag mit Gabriel auch gesprochen.
Ich erinnere mich deshalb so genau, weil dies der Namenstag meiner Frau Ottilie war.

Am Abend des gleichen Tags gingen wir wieder in Stellung. Auch die Kompanie des Gabriel kam zum Einsatz. Unsere Stellung lag bei Neuville-St. Vaast. Die Kompanie des Gabriel war links an unsere angeschlossen. Beide Einheiten hatten einen Abschnitt von etwa 300 m zu verteidigen. In der Nacht zum 14. Dezember stand unser Abschnitt unter leichter Feuereinwirkung, darunter auch Schrapnells.

Als wir einige Tage später abgelöst wurden, haben mir Kameraden von Gabriel erzählt, dass er am Abend des 13. Dezember, kaum dass die Kompanie in Stellung gegangen war, gefallen ist. Von wem ich dies erfuhr, weiß ich nicht mehr. Sie sagten nur, dass Karl durch einen Minenschuss sofort getötet worden ist. Gabriel muss außerhalb des Schützengrabens auf Beobachterposten gewesen sein. Es dürfte der 16. oder 17. Dezember gewesen sein, als ich von seinem Tod hörte. Am 25. Dezember ging ich am frühen Nachmittag zur 6. Kompanie hinüber, um mir Näheres über den Tod meines Schulfreundes erzählen zu lassen.

Auf meine Frage, wo Gabriel liegt, erfuhr ich, gleich vor dem Graben. Sie haben mir auch die Leiche gezeigt. Sie war noch nicht beerdigt und lag angeblich noch da, wie er gefallen war. Sie lag drei Meter vor dem Graben.

Bei mir war Nikolaus Haas aus Rachelsbach. Er war ebenfalls in meiner Kompanie. Haas und ich krochen die paar Meter zur Leiche. Gabriel lag auf dem Rücken. Seine Stirn war leicht gespalten, der Mund war offen und man konnte sehen, dass auch der Unterkiefer verletzt war. Trotzdem war der Tote einwandfrei als Karl Gabriel zu erkennen. Auch die Kameraden haben gesagt, dass er dies ist. Haas hat die Taschen durchsucht und dabei ein Foto gefunden. Ich weiß genau, dass es ein Bild der Ehefrau gewesen ist. Was mit dem Foto geschehen ist, weiß ich nicht mehr. In der Nähe der Leiche lag außerdem ein zerfetztes Notizbuch.

Entschuldigen Sie schon Herr Komissär, aber das ist alles so lange her, schon fast 40 Jahre, ich muss jetzt nachdenken. Ja, ich glaube, Haas und ich haben damals die Leiche etwas in die Erde eingescharrt. Da wir unter feindliches Feuer gerieten, mussten wir bald wieder zurück. Es war übrigens neblig. Ob und wann die Leiche richtig beerdigt wurde, kann ich nicht sagen. Man hätte den Toten damals leicht holen können. Warum das nicht getan wurde, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich habe damals meiner Frau geschrieben, dass Karl Gabriel gefallen ist. Bei dem Foto von Gabriels Frau handelte es sich um ein Brustbild von zehn mal sechs Zentimetern auf starkem Pappkarton. In dieser Sache, wenn ich das erwähnen darf, wurde ich bereits Anfang Mai 1922 von Gendarmerie-Kommissär Goldhofer aus Hohenwart vernommen.

Die Aussage von Nikolaus Haas

Also, ich habe Karl Gabriel und seine Frau Viktoria sehr gut gekannt. Am 3. oder 4. Dezember 1914 wurde ich mit Bichler an die Westfront abgestellt. Unser Abschnitt war an der Strasse Arras-Neuville. Anlässlich eines Feldgottesdienstes am 10. oder 11. Dezember ging ich mit Bichler durch den Ort Vincy zur Dorfkirche. Auf dem Weg traf ich Gabriel vor seinem Quartier. Ich fragte ihn, ob er nicht ein Paar gute Stiefel für mich hätte, da meine Schuhe ziemlich kaputt waren. Gabriel meinte, ich soll auf dem Rückweg bei ihm vorbeischauen.


Als wir nach einigen Tagen aus der Stellung kamen, ging ich wieder zu Gabriel. Von Seiten der Kameraden habe ich erfahren, dass er gefallen ist. Sie erzählten, dass er durch eine Gewehrgranate getötet wurde. Er soll auf Horchposten gesessen haben. Wir ließen uns die Leiche zeigen. Das Gesicht war nicht gerade entstellt. Ich weiß sicher, dass es Karl Gabriel gewesen ist. Als ich an Ostern 1918 zum ersten Mal auf Urlaub war, hat mich die Witwe Gabriel in Rachelsbach besucht. Sie wollte Einzelheiten über das Ableben ihres Mannes wissen. Ich konnte ihr aber nicht mehr sagen, als sie ohnehin schon wusste.

Frage: Haben Sie damals die Unform des Toten durchsucht?

Antwort: Ich - nein - wieso ...

Frage: Neben dem Toten lag doch ein zerfetztes Notizbuch, Was haben Sie damit gemacht?

Antwort: Was für ein Notizbuch - was wollen Sie überhaupt...

Frage: Und Sie haben auch nicht aus der Tasche des Toten ein Foto von Viktoria Gabriel gezogen?

Antwort: Nein, was soll denn das - werde ich hier etwa verdächtigt...

Oberkomissär Kagermeier: Ihr Kamerad von damals, Herr Bichler, hat soeben erklärt, Sie hätten die Uniform von Karl Gabriel durchsucht und dabei ein Bild seiner Frau gefunden.

Haas: Das stimmt nicht. Wie Bichler zu solchen Angaben kommt, ist mir unbegreiflich. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Fotografie der Viktoria Gabriel in Händen gehabt.

Kagermeier: Erzählen Sie mir in allen Einzelheiten, wie Sie damals die Leiche gesehen haben.

Haas: Das war so. Wir standen im Schützengraben. Von dort heraus konnte ich den Gefallenen vor mir liegen sehen. Den Bichler, der kleiner ist als ich, musste ich hochheben, damit er über den Graben schauen konnte.

Kagermeier: Haben Sie die Leiche etwas eingescharrt, bevor Sie zu Ihrer Einheit zurückgingen?

Haas: Nein!

Die Aussage der Sophie Fuchs, die lediglich auf Hörensagen beruht und deren Angabe, daß Josef Bichler bei der Beerdigung von Karl Gabriel dabeigewesen sei, mit einiger Sicherheit unrichtig ist, ist einerseits der Vollständigkeit halber beigefügt. Es steht aber immerhin im Raum, daß andere Bekannte Karl Gabriels – wie etwa ihr späterer Schwiegervater – vor Ort waren und vom Ableben des G. zumindest zeitnah Kenntnis erlangt haben. Nicht alle dieser Zeitzeugen dürften den Krieg überlebt haben bzw. 1951 (als Bichler und Haas befragt wurden) noch am Leben gewesen sein.

Angesichts der immer wieder geäußerten Zweifel am Tod von Karl Gabriel wurden alle bekannten Aussagen aufgeführt, weshalb dieser Beitrag recht umfänglich geworden ist. Die von Ludwig Hecker kreierte Vorstellung, der Täter habe die Hinterkaifecker Tage vor der Tat belauert und Viktoria Gabriel habe ihn für ihren für tot erklärten Ehemann gehalten, ist in diesem Beitrag mit eingearbeitet, weil Staatsanwalt Dr. Popp diese Einschätzung in Zusammenhang mit den – falschen – Angaben Esers 1951 für überprüfenswert hielt.

Während am Tod des Karl Gabriel in den zwanziger und dreissiger Jahren allem Anschein nach nicht gezweifelt wurde (Ausnahme: Der oben angeführte Verdacht von Oberwachtmeister Ludwig Meixl), scheint es nach dem zweiten Weltkrieg diverse Gerüchte gegeben zu haben, ein geheimnisvoller russischer Soldat habe in (verschiedenen) Gefangenenlagern Männer aus der Gegend um Hinterkaifeck befragt und anschliessend entlassen. Konrad Müller scheint diesen Gerüchten noch bis vor einigen Jahren – ergebnislos(?) – nachgegangen zu sein. Zu diesem Sachverhalt siehe auch die Beiträge zu Matthäus Eser, Therese Großöhme und Lorenz Hausfelder hier im HK - Personenregister.


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Intimes Verhältnis Lorenz Schlittenbauer / Viktoria Gabriel

Im Rahmen seiner polizeilichen Vernehmung vom 31.3.1931 hat Lorenz Schlittenbauer angegeben, dass Victoria Gabriel ihm schon wenige Wochen nach dem Tode ihres Ehemannes am 12.Dezember 1914 angeboten habe, mit ihr geschlechtlich zu verkehren, was er unter Hinweis auf seine Ehe jedoch abgelehnt habe.

Nach dem Tode seiner Ehefrau Viktoria Schlittenbauer am 14. Juli 1918 ging Lorenz Schlittenbauer eine intime Beziehung mit Viktoria Gabriel ein. In seiner polizeilichen Vernehmung vom 31.3.1931 gab er an, dass er in fünf Fällen mit ihr Geschlechtsverkehr gehabt habe. Lorenz Schlittenbauer und Viktoria wollten heiraten. Die Ehe wurde jedoch durch den alten Gruber verhindert, der damit gedroht hatte, er werde im Falle einer Heirat den Hof verlassen.

(Quelle: Aussage Jakob Sigl vom 5.4.1922)


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Vaterschaft von Josef Gruber und entsprechende Prozesse

Als Viktoria 1919 schwanger wurde und man die Schwangerschaft sehen konnte, gab es im Umkreis Gerüchte über die Vaterschaft des ungeborenen Kindes. Es wurde gemunkelt, dass der alte Gruber der Vater des Kindes sei. Gruber hielt Lorenz Schlittenbauer für den Urheber dieser Gerüchte und drohte ihm mit der Einschaltung eines Rechtsanwalts. Am 7.9.1919 brachte Viktoria Gabriel ihren Sohn Josef zur Welt und gab als Vater Lorenz Schlittenbauer an. Lorenz Schlittenbauer stritt die Vaterschaft ab und zeigte Viktoria Gabriel und Andreas Gruber am 10.9.1919 wegen Blutschande an. Er gab an, dass Viktoria selbst ihm erzählt habe, dass sie wieder Geschlechtsverkehr mit ihrem Vater gehabt habe. Außerdem gab er an, dass Andreas Gruber von ihm 3.000 Mark Unterhalt für Josef gefordert habe.

Pfarrer Michael Haas hatte die Geburt des Josef inzwischen im Kirchenbuch von Waidhofen eingetragen und zwar unter dem Namen Josef Gruber mit dem Vermerk “illeg.”.

Andreas Gruber wurde nach der Anzeige am 13.9.1919 in U-Haft genommen, da er als Wiederholungstäter galt. Am 25.9.1919 zog Lorenz Schlittenbauer auf Drängen von Viktoria die Anzeige wegen Blutschande zurück. Sie hatte ihm 2.000 Mark (evtl. später zusätzlich noch 3.000 Mark) gezahlt, damit er die Abfindungssumme bezüglich des Unterhalts nicht aus eigener Tasche bezahlen musste. Sehr wahrscheinlich wurde ihm auch erneut eine Heirat in Aussicht gestellt. Am 25.9.1919 entlastete Lorenz Schlittenbauer Andreas Gruber vor dem Vormundschaftsgericht und erkannte die Vaterschaft an. Gruber wurde aus der U-Haft entlassen. Eine Haftentschädigung erhielt er nicht.

Andreas Gruber wurde vom Vormundschaftsgericht Schrobenhausen zum Vormund für Josef bestellt.

Zwischen Lorenz Schlittenbauer und Andreas Gruber als Vormund des Josef Gruber wurde hinsichtlich des Unterhalts für Josef Gruber vereinbart, dass Schlittenbauer eine Abfindungssumme in Höhe von 1.800 Mark zu zahlen hat. Das Vormundschaftsgericht hatte diese Vereinbarung genehmigt.

Am 23.10.1919 erklärte Lorenz Schlittenbauer unter Eid vor dem Amtsgericht Schrobenhausen, dass die in seiner Anzeige vom 10.9.1919 behaupteten Tatsachen (Blutschande) doch wahr seien.

Am 31.12.1919 erhob die Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Neuburg Anklage gegen Viktoria Gabriel und Andreas Gruber wegen Blutschande, weil Lorenz Schlittenbauer nach einem Widerruf die Wahrheit der seiner Anzeige wegen Blutschande zugrunde liegenden Tatsachen durch Eid bekräftigt hatte.

Im Laufe des Jahres 1920 wurden beide von dem Vorwurf der Blutschande freigesprochen, weil die widersprüchlichen Aussagen des Lorenz Schlittenbauer bezüglich der Vaterschaft des Josef nicht zur Verurteilung ausreichten. Da ein Freispruch erfolgt ist, muss es vor dem Landgericht Neuburg eine Gerichtsverhandlung gegeben haben. Das Datum des Urteils ist nicht bekannt.

Nach dem Tode des Josef erkundigte sich Lorenz Schlittenbauer, ob er die gezahlte Abfindungssumme zurück bekommen könne. Er erhielt die Antwort, dass dieses nicht möglich sei. Dieses wurde ihm von Martin Riedmayr während des polizeilichen Verhörs vom 31.3.1931 vorgehalten.

Die Vormundschaftsakten des AG Schrobenhausen wurden unter dem Aktenzeichen 216/19 geführt und müssen im Staatsarchiv München archiviert sein, falls sie nicht zerstört worden sind.

Die Strafakten des Landgerichts Neuburg/Donau wurden unter dem Aktenzeichen 9/20 geführt. Derzeit ist nicht bekannt, wo bzw. ob sie archiviert sind.


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Spende von 700 Goldmark im Beichtstuhl

Dieser Sachverhalt ist (bisher) nur durch eine auf den 12.08.1948 datierte Zusammenfassung des Polizeibeamten Xaver Meiendres fassbar, die im Staatsarchiv Augsburg einsehbar ist.

Meiendres war am 01.05.1931 von der Gendarmeriestation Zwiesel an die Gendarmeriestation Hohenwart versetzt worden. Am 03.08.1948 wurde er durch ein Schreiben der Chefdienststelle Schwaben (Tgb.Nr. 463/48) aufgefordert, seine Erinnerungen an den Fall HK schriftlich niederzulegen. Meiendres war damals (als Oberinspektor) an der höheren Landespolizeischule Sudelfeld.

Meiendres: “Etwa 14 Tage vor der Tat wurden 700 Mark in Gold in den Beichtstuhl der Pfarrkirche von Waidhofen gelegt. Der damalige Pfarrer von Waidhofen, der die wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Pfarrkinder ziemlich genau kannte, war davon überzeugt, daß nur ein Mitglied der Familie Gruber von Hinterkaifeck das Geld in den Beichtstuhl gelegt haben konnte. Als er daraufhin die Tochter der Eheleute Gruber zu sich kommen ließ und diese über die Herkunft des Geldes befragte, gab sie nach einigem Zögern zu, daß sie das Geld für Missionszwecke in den Beichtstuhl gelegt habe.”


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Nächtliche Suche nach Viktoria Gabriel bzw. Cäzilia Gruber

Sophie Fuchs, eine ehemalige Mitschülerin von Cäzilia Gabriel, sagte in einer polizeilichen Vernehmung am 17.12.1951 aus, daß Viktoria Gabriel am 30.03.1922 nach einem heftigen Streit Hinterkaifeck spätabends verlassen haben soll. Die ganze Familie habe sich in Sorge auf die Suche gemacht (die anscheinend bis zum Flüsschen Paar geführt hat) und habe dann Viktoria auf einem Baumstumpf im Wald sitzend aufgefunden.

Diese Darstellung habe Cäzilia Gabriel gegeben, als sie anderntags in der Schule übermüdet gewesen sei und vom Lehrer nach dem Grund befragt wurde.

1984 sagte Sophie Fuchs in einer Vernehmung durch Kommissar Konrad Müller hingegen aus, daß die nächtliche Suche der Großmutter, also Cäzila Gruber, gegolten habe.

Diese Darstellung bzw. die zwei Varianten sind (bisher) nur durch die relativ späten Aussagen der Zeugin Fuchs überliefert.


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Münchner Zeitung am Waldrand / Spuren im Schnee

Diese beiden Sachverhalte finden sich in den Aussagen des Postschaffners Josef Mayer aus Waidhofen.

1951 hatte Ludwig Hecker ein Gespräch mit Josef Mayer und verwandte daraus Informationen in seiner 10-teiligen Fortsetzungsgeschichte über den Mordfall Hinterkaifeck im “Donaukurier”.

1952, eventuell in Folge der Fortsetzungsgeschichte von Hecker und im Zuge der Ermittlungen gegen die Brüder Gump, wurde Mayer von der Polizei und später auch vor dem Amtsrichter vernommen. Den Vernehmungsprotokollen des Postschaffners vom 10.01.1952 und 05.06.1952 gemäß erwähnten Andreas Gruber oder seine Tochter Viktoria gegenüber Mayer den Fund einer “Münchener Zeitung” am Waldrand und fragten ihn, ob er jemanden kenne, der diese Zeitung beziehen würde. Ebenfalls wurde dem Postschaffner berichtet, daß Andreas Gruber vom Wald zum Hof führende Spuren im Schnee entdeckt habe.

Die erste Aussage (10.01.1952) wurde in der Wohnung Mayers in Waidhofen durch die Polizeibeamten Prähofer und Nußbaum festgehalten. Die zweite Aussage (05.06.1952) wurde im Amtsgericht in Schrobenhausen protokolliert. Anwesend waren hier der Amtsrichter Hölzle und der Justizangestellte Reiner. Mayer wies darauf hin, daß er schon 1922 von Stationskommandant Goldhofer von Hohenwart befragt worden sei. Ein Protokoll, falls angefertigt, scheint sich darüber nicht erhalten zu haben.

Während der Fund der “Münchner Zeitung” nur von Josef Mayer erwähnt wurde, sind die Spuren im Schnee auch durch andere Aussagen belegt. Kommissar Reingruber schreibt am 06.04.1922: “Weiter ist zu erwähnen, dass in der Nacht zum Donnerstag den 30.03.22 im Anwesen der Verlebten von 2 Männern ein Einbruch verübt worden ist. Es ist nach Angabe des Andreas Gruber das Motorenhäuschen erbrochen, jedoch nichts entwendet worden. Im Neuschnee waren Fusspuren von zwei Männern ersichtlich, die zum Anwesen führten, es waren aber angeblich keine Spuren vorhanden, welche vom Anwesen weggeführt hätten. (Angaben des Schlittenbauer).”
(Anm.: In der Aussage des Lorenz Schlittenbauer vom 05.04.1922 ist diese Angabe nicht enthalten, sie dürfte nachträglich zur Kenntnis von Kommissar Reingruber gelangt sein.)

Jakob Sigl erwähnt den Sachverhalt der Fußspuren im Schnee in seiner Aussage vom 10.01.1952. Nach seinen Angaben erfuhr sein Schwiegervater Kaspar Stegmair aus Gröbern, der auf dem Weg nach Schrobenhausen gewesen sei, am 30.03.1922 von Andreas Gruber, “daß im Schnee eine Spur zu seinem Anwesen gehe, er glaube, daß Spitzbuben in seinem Hause seien. Stegmair soll Gruber aufgefordert haben, das Anwesen durchsuchen zu lassen, worauf Gruber erwiderte, daß er sich nicht fürchte.” Sein Schwiegervater habe ihm von diesem Gespräch am gleichen Tag auf dem Viehmarkt von Schrobenhausen berichtet.


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Der von Andreas Gruber dringend erwartete Brief

Dieser Sachverhalt scheint sich - eher andeutungsweise – lediglich bei Leuschner zu finden, in der 3. Auflage von “Der Mordfall Hinterkaifeck” etwa auf S.23. Aber auch bei Leuschner wird keineswegs behauptet, daß Gruber gleich mehrfach und quasi dringlich nach einem Brief gefragt habe. Von möglicherweise EINEM Brief spricht überhaupt nur der Postschaffner in seiner Antwort auf die Frage von Gruber, ob er denn nicht mehr als die Zeitung dabeihabe: “Dein Brief kommt schon noch, bevor Du stirbst.”

Diese Passage könnte schriftstellerischer Freiheit geschuldet sein. Postschaffner Mayer erwähnt den Sachverhalt in seinen beiden Verhören 1952 (s.o.) nicht.

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Möglicherweise vorhandene Schußwaffen auf HK und ihr Verbleib

Auf Hinterkaifeck hat es 1920/21 mit Sicherheit mindestens eine Schußwaffe gegeben.

Dazu gibt es zwei Aussagen:

Ein Rupert Scheppach war 1919/20 als Hamsterer einige Male auf HK. Wohl 1920 war er von Andreas Gruber gebeten worden, ein Gewehr zu reparieren und brachte ihm im gleichen Jahr ein halbes Pfund Schrotkörner, verpackt in einer mit seinem Namen und dem Vermerk “Lohn für den 2. mit 8.2.1920” beschrifteten Lohntüte. Weil diese Lohntüte später in der Kammer der ermordeten Magd gefunden wurde, wurde Scheppach polizeilich vernommen. (Anm.: Siehe auch Leuschner, 3. Auflage, S. 177.: “Einmal habe ihn der alte Gruber gebeten, ein Gewehr nachzusehen. Scheppach merkte, daß es einen neuen Zündkegel brauchte und versprach, dies beim nächsten Mal in Ordnung zu bringen.”)

Von der ehemaligen Hinterkaifecker Magd Kreszenz Rieger gibt es ein Vernehmungsprotokoll vom 09.07.1952. Dort erwähnt sie u.a.:

“Bekannt wurde mir, daß die Thalerbuben schon ein Jahr zuvor (Anm.: gemeint ist das Jahr vor dem Mord, also 1921) in dem Wagenschupfen nachts von Gruber angetroffen wurden. Damals soll ihnen der alte Gruber mit einem Infanteriegewehr nachgeschossen haben. Ich habe seinerzeit den Schuß gehört. Mir sagte man aber nicht, was die Ursache des Schußes war, damit ich in meinem schwangeren Zustand nicht mehr Schrecken habe.”

Ob das von Scheppach reparierte Gewehr (und eventuell eine weitere Waffe) 1922 auf dem Hof war(en) und ob diese(s) funktionstüchtig war(en), kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden. Zumindest eine Waffe (wohl die von Scheppach reparierte) muß sich aber 1921 funktionsfähig auf dem Hof befunden haben. Von einem “Infanteriegewehr” spricht Kreszenz Rieger allem Anschein nach nur vom Hörensagen. Sie sagt aber klar aus, daß sie einen Schuß gehört habe.

Diese Waffe(n) wurde(n) 1922 nach dem Mord nicht auf dem Hof gefunden. Weder von Bernhard Gruber, der den Hof nach der Tat zeitweise bewohnt hat, noch vom Abbruch 1923 ist bekannt, daß nachträglich eine (möglicherweise versteckte) Schußwaffe aufgefunden wurde.


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Unbekannter am Friedhof von Waidhofen

Der Unbekannte am Friedhof von Waidhofen wird nur in der Überarbeitung der Geschichte “Hinterkaifeck – Eine düstere Erinnerung” von Josef Ludwig (Hecker) aus dem Jahr 1972 erwähnt. Dort heißt es, dass Viktoria Gabriel am Donnerstag, den 30.3.1922 an einer Chorprobe teilgenommen habe. Beim Verlassen der Kirche habe eine Sängerin am Friedhofsausgang auf sie gewartet und dabei gesehen, dass ein Mann mittleren Alters vor Viktoria Gabriel aufgetaucht sei und zu ihr gesagt habe: “Lass die Gänse laufen. Ich begleit´Dich.” Viktoria habe geantwortet, dass sie ihren Weg alleine finde. Als er sich ihr in den Weg gestellt habe, habe sie ihn gebeten sie in Ruhe zu lassen. Er habe geantwortet, dass sie die Sorte Frau sei, die ihm keine Ruhe lasse. Nach weiterem Wortwechsel und einer Beleidigung des Mannes habe Victoria ihm eine Ohrfeige verpasst.

In der früheren Version der Hecker-Geschichte aus dem Jahr 1951 wird der Unbekannte am Friedhof von Waidhofen nicht erwähnt.

Auch ansonsten gibt es in keiner Aussage einen Hinweis darauf, dass Viktoria Gabriel am 30.3.1922 tatsächlich einen Streit mit einem Mann am Friedhof von Waidhofen gehabt hat.


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Verlust des Haustürschlüssels von HK

Am Vormittag des 30.03.1922 erwähnt Andreas Gruber seinem Nachbarn Lorenz Schlittenbauer gegenüber, dass er seinen Haustürschlüssel vermisse. Außerdem erwähnt er etwas später den Verlust des Schlüssels gegenüber dem vorbeifahrenden Gütler Kaspar Stegmeier aus Gröbern.

In seiner Aussage vom 05.04.1922 erwähnt Lorenz Schlittenbauer nicht, dass der ermordete Gruber ihm von dem Verlust des Schlüssels berichtet habe. Er erwähnt dieses allerdings während seiner polizeilichen Vernehmung vom 31.3.1931 gegenüber dem Polizeibeamten Riedmayr von der Münchner Polizeidirektion. Gleichzeitig sagt er auch noch aus, dass er ganz sicher sei, dass die Hinterkaifecker nur im Besitz eines Haustürschlüssels waren.

Im Leuschner-Buch 1. Auflage 1997 hingegen ist zu lesen, dass Gruber Kaspar Stegmeier gegenüber den Verlust des zweiten (!) Haustürschlüssels beklagt hat.

Diese Unstimmigkeit in der Aussage des Kaspar Stegmeier ist nicht mehr nachprüfbar, da seine Aussage im Münchener Staatsarchiv nicht vorhanden ist.

Kaspar Stegmaier war der Schwiegervater des Jakob Sigl. Sigl erwähnt in seiner Aussage vom 10.01.1952, dass Andreas Gruber seinem Schwiegervater am 30.3.1922 die Geschichte mit den Fußspuren im Schnee erzählt habe, den Verlust des Haustürschlüssels erwähnt er jedoch nicht.

Staatsanwalt Pielmaier nimmt in seinem Bericht vom 06.11.1926 aber Bezug auf die Aussage des Stegmaier. Er schreibt, dass Andreas Gruber den Zeugen Schlittenbauer und Stegmaier gegenüber angegeben habe, dass ihm ein Hausschlüssel abgehe. Aus dieser Formulierung könnte man eventuell schließen, dass mehrere Haustürschlüssel vorhanden gewesen sein müssen, andernfalls wäre die Rede vom Verlust des Haustürschlüssels gewesen. Allerdings ist dieser Hinweis vage.

Der Verlust des Haustüschlüssels spielt auch in der Aussage des Wenzeslaus Bley eine Rolle. Er berichtet davon, dass Frau Gabriel vor dem Mord bei Leuten oder in Geschäften erzählt habe, dass bei ihnen der Haustürschlüssel schon ein paar Tage fehle.

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Nächtliche Unruhe auf dem Dachboden

Dieser Sachverhalt wird (anscheinend) nur von Wenzeslaus Bley berichtet. Bley gibt 1930 an, daß Andreas Gruber am 31.03.1922 in der Eisenwarenhandlung Vogel in Schrobenhausen erzählt haben soll, er hätte in der Nacht vom 30. auf den 31.03. ungewöhnliche Geräusche auf dem Dachboden von Hinterkaifeck gehört. Gruber habe nachgesehen, habe aber keine Ursache feststellen können.

Wenzeslaus Bley gibt hier einen Sachverhalt vom Hörensagen wieder. Eventuell ist die Grundlage ein im Wirtshaus Schwaiger in Gröbern geführtes Gespräch.


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Schon vor der Tatnacht losgebundenes Rind

Johann Krammer, der 1930 als 17jähriger Erkundigungen über den Mordfall Hinterkaifeck anstellt und mit Wenzeslaus Bley befreundet ist, gibt an, daß Andreas Gruber am 29.03.1922 in der Eisenwarenhandlung Vogel in Schrobenhausen berichtet haben soll, daß nachts ein Rind im Stall losgebunden worden sein soll bzw. losgewesen sein soll. Durch die Unruhe aufmerksam geworden, habe Gruber nachgesehen und das Rind wieder festgebunden.

Mit dieser Geschichte wird der Eindruck erweckt, es habe vor der Mordnacht quasi einen “Probelauf” des Täters gegeben, der durch ein losgebundenes Rind die Hinterkaifecker in den Stall locken wollte. Quelle scheint auch hier ein Gespräch am Wirtshaustisch gewesen zu sein. Es dürfte sich in dieser Geschichte das Vorgehen einer Räuberbande (um die Familie Schmaderer) widerspiegeln, die viele Jahre vor dem Mordfall Hinterkaifeck Bauern durch das Losbinden von Rindern in den Stall gelockt und dort nieder- bzw. totgeschlagen hat, um den Hof berauben zu können. Dieser Sachverhalt wiederum scheint in Zeitungsartikeln nach dem Mordfall HK Erwähnung gefunden zu haben.

In der Öffentlichkeit war bekannt, daß sich am Auffindungstag tatsächlich ein nicht angebundenes Rind im Stall befunden hat. Schon die Münchner Kriminalpolizei hatte vermutet, daß die Opfer durch ein losgebundenes Rind in den Stall und weiter in den Stadel gelockt wurden.


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Der Mann mit der Taschenlampe / Feuer im Backofen

Der Sachverhalt des nachts an Hinterkaifeck vorübergehenden Zimmermanns Michael Plöckl, der das Licht einer Taschenlampe und Rauch oder Feuer beim Hinterkaifecker Backofen beobachtet hat, wird durch einen Bericht von Staatsanwalt Pielmaier und durch die Aussagen mehrerer Zeugen überliefert. Die Aussage von Plöckl selber, die dieser schon (ausweislich einer Randnotiz) am 5. April 1922 vor der Schrobenhausener Gerichtskommission abgegeben haben muß, scheint sich allerdings nicht erhalten zu haben und ist eventuell zusammen mit den Neuburger Akten 1944 in Augsburg verbrannt.

Schon in einem Artikel der Zeitung “Bayerischer Kurier” vom 8. April 1922 wird berichtet: “Am Samstag abend will ein Vorübergehender noch Licht im Backofen gesehen haben, was fast unglaublich scheint, will man nicht an eine besondere Frechheit der Verbrecher glauben, die sich ruhig Zeit liessen.”

Mit Datum vom 29. April 1922 wurde in Augsburg die Aussage des Zimmermädchens Magdalena Beckenbecher protokolliert, die von ihrem in Gachenbach (BA Schrobenhausen) wohnenden Vater den Sachverhalt des Unbekannten mit der Taschenlampe erfahren hatte. Lorenz Beckenbecher aus Gachenbach wurde daraufhin am 1. Juni 1922 in Schrobenhausen vernommen: “Einige Tage nachdem der Raubmord in Hinterkaifeck entdeckt wurde, saß ich in der Kugler-Wirtschaft in Schrobenhausen. Am Tisch erzählte mir ein unbekannter Arbeiter, daß ein Zimmermann von Waidhofen abends von Gröbern und über Kaifeck nach Waidhofen ging. Wie er (der Zimmermann) an dem Hinterkaifeckhof vorbeiging, kam eine ziemlich große Mannsperson aus dem an der Rückseite des Anwesens befindlichen Backofen u. leuchtete ihm ins Gesicht. Darauf soll dieser wieder in dem Backofen verschwunden sein ohne ein Wort gesprochen zu haben. Den Namen des Arbeiters, sowie des in Frage kommenden Zimmermanns kann ich nicht angeben.”

Oberwachtmeister Alois B(?)lank von Hohenwart fügte dieser handschriftlich übermittelten Aussage folgende (ebenfalls handschriftliche) Notiz hinzu: “Im vorliegenden Falle kommt der Zimmermann Michael Plöckl, z. Zt. wohnhaft in Haidhof, Gem. Wangen, in Betracht. Derselbe wurde, wie hierseits bekannt ist, bereits am 5. April von der Gerichtskommission am Tatort einvernommen u. sind dessen Angaben schon niedergeschrieben.”

In einem Bericht über den Mordfall Hinterkaifeck - datiert auf den 06.11.1926 – gibt der Neuburger Staatsanwalt Richard Pielmaier den Vorfall folgendermaßen wieder: “Ein Zeuge, Michael Plöckl, der am Samstag, den 01. April morgens, sodann am gleichen Tag des Abends wieder am Hinterkaifecker Anwesen vorbeigegangen ist, will bemerkt haben, daß am Morgen die Backofentüre geschlossen, abends aber ungefähr halb offen war und daß am Abend der Kamin etwas geraucht haben soll; auch will er in dem Wald, der in der Nähe des Anwesens bis nahe an die Straße heran geht, am Abend ein aufblitzendes Licht, wie etwa von einer Taschenlampe kommend, bemerkt haben.”

1930 wird der Sachverhalt von Johann Kammer und Wenzeslaus Bley erneut erwähnt. Da Kammer nur Erzählungen von Bley wiedergibt, wird im folgenden nur die Aussage des Wenzeslaus Bley (vom 8. August 1930) zitiert: “Am Samstag, den 1. Apr. 1922 nachts um 1/2 12 Uhr ging der Zimmermann Michael B l ö c k l von Gröbern nach Mitterhaid. Sein Weg führte hinter dem Hof Hinterkaifeck vorbei. Im Vorbeigehen sah er wie im Backofen, dieser bildete ein gesondertes Häuschen im Hofraume des Anwesens, Feuer brannte. Er blieb stehen und schaute. Im gleichen Moment soll dieser Mann (Anm.: richtig wäre “ein Mann”) die Öffnung, aus der der Lichtschein hervordrang, geschlossen haben. Dieser Mann ging nun mit einer elektrischen Taschenlampe auf ihn zu. Die Lampe hielt er mit gestrecktem Arm vor sich. Er leuchtete dem Blöckl direkt ins Gesicht ohne etwas zu sagen und ist wieder zurück in den Hof. Blöckl fürchtete sich und lief davon.”

Eine etwas abweichende Darstellung gibt am 26. April 1931 “der verheiratete Säger” Sebastian Maier aus Wangen vor der Gendarmeriestation Hohenwart, der Lorenz Schlittenbauer massiv verdächtigt: “Von dem Gütler und nunmehrigen Gemeindediener Michael Plöckl in Wangen habe ich erfahren, dass derselbe um die Zeit des Mordes tagtäglich am Morgen und am Abend, als dieser von und zur Arbeitsstelle ging, stets am Anwesen des Hinterkaifeckers vorbeigegangen ist. Eines Abends gegen 9 Uhr, als Plöckl wieder von der Arbeit heimging, ist dieser in der Nähe von Hinterkaifeck von einer Mannsperson, die aus einem Acker heraus auf ihn zukam, mit einer Taschenlampe angeleuchtet worden. Diese Mannsperson, die er nicht genau kannte, ist dann ohne etwas zu sagen wieder in den Acker zurückgesprungen. Wie Plöckl mir sagte, passt die Gestalt dieser Mannsperson auf Schlittenbauer. Bei seinem Weitergang hat Plöckl die Wahrnehmung gemacht, dass im Backofen des Hinterkaifeckers ein Feuer sein musste, weil er Rauch aufsteigen sah. Dieser Rauch hatte einen widerlichen Geruch und zwar so, als wenn alte Lumpen verbrannt würden. Plöckl hat mir weiters erzählt, dass an diesem Abend bezw. in dieser Nacht die Bewohner von Kaifeck umgebracht wurden, wenigstens wurde diese Nacht von der Mordkommission als Mordnacht bezeichnet. Ich bin überzeugt, dass Schlittenbauer an diesem Abend im Backofen seine blutbefleckten Kleider verbrannte.”

Eine Einvernahme Plöckls, um etwa die zeitlichen Abweichungen bei den Zeugenaussagen zu klären, dürfte 1931 nicht erfolgt sein. Man hatte allerdings damals noch die Möglichkeit, in Neuburg (telefonische?) Erkundigungen über die ursprüngliche Aussage von Michael Plöckl anzustellen. Darüber gibt es allerdings in den Münchner Akten keine Notiz.

Es scheint immerhin festzustehen, daß Michael Plöckl in der Nähe des Hofes bzw. des Backofens einen Unbekannten mit einer Taschenlampe beobachtet hat oder jedenfalls den Lichtschein einer Taschenlampe wahrgenommen hat und daß im Backofen ein Feuer gebrannt hat. Wahrscheinlicher dürfte die Datierung auf Samstag abend bzw. nachts sein, die schon im Zeitungsartikel vom 8. April 1922 genannt wird und die auch Staatsanwalt Pielmaier in seinem Bericht von 1926 wiedergibt.


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Zeugenaussagen über die Auffindung der Leichen

Lorenz Schlittenbauer, (Auffindezeuge) 05.04.1922:
“...wir gingen dann alle drei aus dem Hause. Während Pöll und Sigl nach Gröbern zurückgingen, blieb ich in der Nähe des Hauses Gabriel zurück…
Zutritt in die Wohnräume und des ganzen Hauses habe ich niemandem gestattet. Ich habe mich dann um das Vieh angenommen und dieses gefüttert. Nach Ankunft der Gendarmerie und des Bürgermeisters Greger habe ich mich um nichts mehr gekümmert.”

... “Mein Stolpern beachtete ich nicht weiter. Dagegen rief der hinter mir gehende Pöll: “Da ist ja ein Fuß.” Ich erwiderte darauf: “Das wäre ja noch schöner.” Ich wendete mich schnell um u. griff nach dem Fusse, zog ihn zurück u. erkannte dabei, dass dies der Andreas Gruber sei.
Ich schaute den Platz näher an u. bemerkte dabei, dass noch mehr Personen auf dem Boden liegen. Ich bemerkte dann den ander(e)n Begleitern ob denn diese Personen schon tot sind u. zog 2 davon, nämlich den Gruber und die Cäzilie Gabriel aus dem Heu hervor. Letztere legte ich ca. 1 1/2 m weiter nach links gegen die Maschine hin. Ich hatte dabei geglaubt, dass der 2 1/2 Jahre alte Josef Gabriel, mein Sohn, auch dabei sein könnte u. vielleicht noch zu retten wäre. Nachdem ich gesehen habe, dass sie kein Lebenszeichen gegeben haben, liess ich die anderen Personen liegen u. ging durch den Stallgang in die Wohnung um mich nach meinem Sohn umzusehen.”

Jakob Sigl, (Auffindezeuge) 10.01.1952:
“...S. suchte in diesem Raum (Anm.: Schlafzimmer der Viktoria G.) eine Kerze und zündete diese für seinen Buben an…
Vorausschicken möchte ich, dass Pöll und ich dem S. sofort als wir die Leichen aufgefunden hatten und er sich daran zu schaffen machte, sagten, er solle die Sachen so liegen lassen, wie sie sind. S. entgegnete, dass er dies genau sehen müsse. Pöll machte ihm (S.) auf Grund seines Verhaltens am Tatort zum Vorwurf, dass er die Personen in HK selbst erschlagen habe…

S. meinte nun, dass ich zur Tenne hinaufsteigen und Heu herunterwerfen solle, damit das Vieh sofort gefüttert werden könne. Pöll und ich haben aber nicht mehr mitgemacht und sagten dem S., dass wir heimgehen und der Gendarmerie Meldung erstatten…

S. leistete meiner Aufforderung, alles unverändert am Tatort zu lassen und auch das Vieh vor Eintreffen der Polizei nicht zu füttern, keine Folge. Er machte sich sehr beschäftigt, ging gleich in den Keller, holte Milch herauf und fütterte damit die Schweine. Auf dem Heimweg sagten Pöll und ich nichts. Auffallend war bei der Sache, dass S. alles veränderte, was zu verändern war und überall im Hause genau Bescheid wusste. nach meiner Ansicht kam S. zu Lebzeiten des Gruber nicht soviel in das Haus in HK, dass er Bescheid wissen konnte…

Michael Pöll, (Auffindezeuge) 05.04.1922:

“Am Dienstag, den 4.4.22 nachm. gegen 5 Uhr kam der Bauer Lorenz Schlittenbauer zu mir in meine Behausung, daß bei Gabriel sich nichts mehr rühre. Er ersuchte mich dann mit mir zur Gabriel zu gehen. Auch Jakob Sigl schloß sich uns an. Dabei bemerke ich, daß mir schon am 1. und am 3.4.22 im Hause von Gabriel die außerordentliche Stille aufgefallen ist, insbes. hat sich der dortige Hund nicht mehr gerührt. An den gen. Tagen war ich auf dem Felde in der Nähe von Gabriel beschäftigt.
Im Hause des Gabriel angekommen, fanden wir alle Türen verschlossen vor, nur das zum Maschinenhaus führende Tor war unversperrt.
Vom Maschinenhaus aus, sprengten wir dann das Scheunentor auf u. gingen wir alle 3 in die Scheune hinein. Durch die geöffnete Stalltür schaute ein losgelassenes Rind heraus. Schlittenbauer ging voraus u. zwar auf die Stalltüre zu. Ich sah ihn dabei etwas stolpern. Ich folgte ihm unmittelbar u. suchte mit meinen Füßen am Boden, weil es schon etwas finster war. Ich stoss dabei an etwas an u. sagte dann zu den beiden Begleitern: “Da liegt schon was.” Schlittenbauer ging dann etwas zurück u. hob glaub ich zuerst ein Brett auf u. griff dann an einen frei sichtbaren Fuß. Er zog diesen weiter hervor u. erkannten wir in der Person den Andreas Gruber. Wir haben dann noch weitere 3 Personen unter dem Heu liegen gesehen. Das Mädchen lag an der Wand neben der Stalltüre. Er nahm es u. legte es etwas rückwärts gegen die Häckselmaschine in der Scheune. Ich u. Sigl gingen dann sofort aus der Scheune heraus. Schlittenbauer ging dann aber durch den Stallgang in die Wohnräume u. hat uns dann die an der Ostseite des Hauses gelegene Türe geöffnet. Wir gingen dann auch ins Haus bzw. Schlafzimmer u. fanden dort den 2-jährigen Knaben im Kinderwagen erschlagen vor.
Wir gingen dann in die Küche u. von da aus in das anstoßene Stübchen, dort sah ich ein Bett am Boden liegen u. unter demselben 2 Schuhe hervorschauen. Schlittenbauer hat dann das Bett weggehoben u. nun bemerkten wir eine fremde Frauensperson erschlagen tot am Boden liegen.
Der Hund der Familie Gabriel war im Stalle eingesperrt. Es ist dies ein guter u. wachsamer Hund. Es ist mir auch nicht bekannt, daß er bestimmte Personen nicht gemeldet hätte. Es ist mir nicht bekannt, daß die Familie Gabriel mit irgend Personen speziell vertraut gewesen wäre. Die Familie Gabriel galten allgemein als fleißige, sparsame Leute, die sehr zurückgezogen lebten, in eine Wirtschaft kamen sie nie. Es ist mir auch nicht bekannt, daß sie in letzter Zeit größere Einnahmen gehabt hätten. Ob sie irgendwelche Personen hatten, welche feindlich ihnen gesinnt waren, ist mir ebenfalls unbekannt.
Allgemein im Orte ist bekannt, daß Gruber mit seiner nunmehr ermordeten Tochter Viktoria Gabriel in geschlechtlicher Beziehung stand.
Soviel ich weiß, hatte Schlittenbauer beabsichtigt, die Viktoria G. zu heiraten, noch dazu er der Vater des außerehel. Knaben Josef G. war. Die Ehe wurde aber durch den alten Gruber, dem Vater der Viktoria Gabriel, verhindert. Daß sie sich in letzter Zeit also der Schlittenbauer u. der Gruber feindlich gesinnt waren, ist mir nicht bekannt. Es ist mir auch bekannt, daß die Familie Gabriel vermögend war, wie weit aber nicht.
Einen Verdacht gegen eine bestimmte Person kann ich nicht angeben u. vermag auch in dieser Richtung keinerlei Angaben machen.”

Andreas Schwaiger, 17.12.1952:
“Diese (Anm.: S., Pöll und Sigl) sind nämlich höchstens 10 Minuten vor mir an den Tatort gekommen. Es ist somit nicht möglich, dass sie vor mir, bzw. meinem Eintreffen den Stall gerichtet haben… Mit S., Pöll und Sigl bin ich dann weitergegangen und wir kamen in die Schlafkammer der Witfrau Gabriel… Eine Brieftasche lag geöffnet auf dem Kissen…”

Josef Schrittenlocher, 17.12.1952:
“Wie ich mich noch entsinne, habe ich unter den Leuten den Bauern S. und den Bauern Jakob Sigl gesehen… Durch welche Türe wir dann später das Anwesen betraten, kann ich heute nicht mehr sagen… Wir haben dann, nachdem wir alles angeschaut hatten, das Anwesen verlassen…”

Johann Freundl, 17.12.1952:
“Im Anwesen HK befand sich bei unserem Eintreffen (Anm.: Mit K. Stegmaier) nur der Landwirt und Bauernführer S. Das Anwesen betraten wir durch die Haustüre und ich weiss nicht mehr genau, wo wir mit S. zusammengetroffen sind. S. zeigte uns anschliessend die Toten im Stadel…

Anschliessend führte uns S. in die Magdkammer, wo die Dienstmagd Maria Baumgartner am Boden lag. Anschliessend führte er uns in das Schlafzimmer und zeigte uns die Leiche des kleinen Buben. Während wir die Räume durchgegangen sind, kamen immer mehr Leute auf den Hof und schliesslich auch der Bürgermeister und die Gendarmerie von Hohenwart…

Im Motorenhaus, welches im Stadel eingemauert war, stand ein Zuber eingesurtes Fleisch. S. forderte mich auf, von dem Fleisch etwas wegzunehmen und zu essen…

Als wir seinerzeit von S. durch die Räume geführt wurden, zeigte er uns im Schlafzimmer eine leere Brieftasche. Diese lag auf dem Bett in der Mitte der Zudecke. Sie war geschlossen…

Weiterhin fiel mir das Verhalten von S. am Tatort deshalb auf, weil er von Neugierigen die vorhandenen Spuren vernichten liess. Ich habe ihm seinerzeit sogar aufmerksam gemacht, dass die Leute die Spuren vernichten werden. S. entgegnete mir, dass die Leute nun schon da seien und er nichts mehr machen könne.”


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Sichergestellte Gelder, Pfandbriefe, Wertsachen und Sparbücher

Mit Datum vom 5. April 1922 werden von Oberamtsrichter Wießner in der Hinterlegungsstelle des Amtsgerichtes Schrobenhausen folgende von ihm in Hinterkaifeck sichergestellte Wertsachen deponiert:

Bargeld: In Gold 1780 Mark in 20M-Goldmarkstücken und 100 Mark in 10M-Goldmarkstücken / In Silber 120 Mark in 5M-Stücken, 42 Mark in 3M-Stücken, 6 Mark in 2M-Stücken, 159 Mark in 1M-Stücken / In Papier: 5 Mark / In Aluminium: 7 Mark in 50Pf.-Stücken, 8 Pf. in 1Pf.-Stücken / In Nickel: 1,50 Mark in 10Pf.-Stücken, 60 Pf. in 5Pf.-Stücken / In Kriegszehnpfennigstücken: 5 Mark 10 Pf. und in Kriegsfünfpfennigstücken 60 Pf.

Pfandbriefe: 1 Stck. b. Handelsbank J 70344 zu 1000M / 3 Stck. Pfälz. Hyp. Bank zu 3 x 1000M ( 65 B/4886, 67 B/2733, 67 B/2734) / 1 Stck. Bayer. Bodencredit 16 B 228024 zu 1000M / 1 Stck. Bayer. Bodencredit 16 C 229336 zu 500M / 1 Stck. Hyp. und Wechselbank MnF 336476 zu 1000M / 1 Stck. Mitteldt. Bodencredit 3 D 22 zu 3000M / 1 Stck. Eisenbahn Frankfurt a.M. C 5287 zu 1000M / 2 Stck. Kriegsanleihen E 4010652+E 4010653 zu je 200M / 2 Stck. Kriegsanleihen C 11785037 +  C 11785038 zu je 1000M / 1 Stck. Ungar. Lokaleisenbahn II 24 zu 1000Kr. / 1 Stck. Ungar. Lokaleisenbahn II 2439 zu 200Kr. / 1 Stck. Ungar. Lokaleisenbahn VO 837 “mit Zinsscheinen vom 1.7.19 und Erneuerungsschein” zu 1000M / Depotschein Nr. 18 des Bankgeschäftes Fried. Dumler v. 18.12.19(?)

“Kostbarkeiten”: “1 silb. Herrenuhr mit Stahlkette, 1 silb. Herrenuhrkette mit Taler u. Goldschieber, 1 Nickelkette, 1 Uhrkette mit Hufeisen, 1 Viligranrosenkranz, 1 silb. Uhrkette, 7 wertlose Medaillen, 1 wertlose Bro(s)che, 1 außer Kurs gesetztes silb. 20Pf.-Stück, 1 Herrenuhr mit Gehäuse, 1 Damenuhr mit Zelluloidgehäuse, 1 weit. silb. Damenuhr, 1 silb. Halskettchen, 2 Perlenhalsschnüre, 1 wertlose Halskette, 2 gold. Ringe mit Opalsteinen u. zwei Ehering(e), 1 Bro(s)che mit Korallen, 1 lange silberne Halskette, 1 kurz. silb. Kettchen mit Anhänger, 1 gelbe lange Uhrkette, 1 kurz. Halskette mit Anhänger aus Silber, 1 weit. silb. Kettchen mit Anhänger, 1 silb. Halskette auf Karton, 1 Paar gold. Ohrringe.”

Kontobücher u. Sonstiges: “Kontobuch für Andreas Gruber bei der Fa. Friedel u. Cie. über 3000M Einlage, Sparbuch des Darl. Kassenvereins Waidhofen für Josef Gabriel II Haupt. S.75 Konto Nr: 75 (Anm.: Darüber handschriftlich mit Bleistift “2000”.), Lebensversicherungsschein d. Allgem. Deutsch. Vers. Vereins Stuttgart Nr: 279127, Sparbuch für Josef Gruber des Darl. Kassenvereins Waidhofen IV Hauptb. S.113 (handschriftlich darüber: “1700”), Sparbuch für Zäzilie Gabriel Darl. Kassenverein Waidhofen III Hauptb. S.174 (handschriftlich darüber: “2000,03M”), Fünf Lose der 40. Münchner Pferdelotterie Nr.131514, 1315.., 214850, 28286,106070.”

(Anm.: Zusammengefasst bzw. zitiert nach einem maschinenschriftlichen Protokoll von Oberamtsrichter Wießner. Das erste Sparbuch des kleinen Josef mit dem falschen Nachnamen “Gabriel” könnte 1922 nicht mehr gültig gewesen sein, da in dessen Nachlaßakte nur von einem Sparbuch mit 1700M Einlage die Rede ist. Als alleinige Erbin des Josef Gruber war Cäzilia Starringer eingesetzt.)

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Die Münchner Kriminalpolizei am Tatort

Die Kriminalabteilung der Münchner Polizeidirektion wurde am 5.4.1922 um 18.15 Uhr vom Mordfall Hinterkaifeck telefonisch unterrichtet.

Gegen 21.30 Uhr machten sich Kriminaloberinspektor Reingruber, Kriminalkommissär Georg Neuß, Oberwachtmeister Herman Kraus, die beiden Polizeihundeführer Oberwachtmeister Michael Bohlein, Wachtmeister Josef Scheringer mit den Fährtenhunden “Argus” und “Flora”, sowie Kriminalsekretär Andreas Biegleder vom Erkennungsdienst in einem Kraftwagen von München aus auf den Weg nach Hinterkaifeck. Im Leuschner-Film wurde darüber berichtet, dass der Mannschaftswagen der Polizeidirektion wegen eines telefonischen Übermittlungsfehlers zunächst statt nach Hinterkaifeck bei Waidhofen nach Schweitenkirchen gefahren ist. So sei es zur späten Ankunft in Wangen gekommen.

Gegen 1.30 Uhr trafen sie im Haus von Bürgermeister Greger in Wangen ein und wurden von diesem darüber unterrichtet, dass die Gerichtskommission aus Schrobenhausen unter Führung von Oberanmtsrichter Johann Konrad Wießner den Tatort bereits untersucht hat. Greger wurde noch in der Nacht in seinem Haus vernommen.

Gegen 5.30 Uhr am 05.04.1922 machen sich die Polizisten der Münchner Polizeidirektion auf den Weg nach Hinterkaifeck. Sie fuhren mit dem Auto nur bis Gröbern. Von dort machten sie sich zu Fuß auf den Weg nach Hinterkaifeck.

Am Anwesen Hinterkaifeck trafen sie sogleich auf den Zeugen Lorenz Schlittenbauer. Zunächst sahen sich die Polizisten die Toten an. Sie nahmen den von Lorenz Schlittenbauer im Futtertrog gefundenen Kreuzpickel an sich, damit er in München kriminaltechnisch untersucht werden konnte (Später ließ sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen, ob er als Tatwaffe benutzt wurde).

Kurz darauf traf die Gerichtskommission des Amtsgerichts Schrobenhausen wieder ein, um sich auch den Tatort nochmals anzusehen. Auch die Herren Staatsanwälte Renner und Hensolt vom Landgericht Neuburg trafen am Tatort ein. Die Polizei untersuchte die Räumlichkeiten und den Dachboden. Die auf dem Dachboden versteckte blutige Tatwaffe, eine sogenannte Reuthaue, fand sie nicht, ebenso blieben das 1923 gefundene blutige Bandeisen und ein rostiges Taschenmesser unentdeckt.

Kriminalsekretär Biegleder fertigte fünf Tatortbilder an: zwei Bilder vom Stadel mit den Leichen in unterschiedlicher Position (gestapelt und auseinandergezogen), ein Bild von der Mägdekammer mit der toten Magd Maria Baumgartner, ein Bild von Viktorias Schlafzimmer mit dem Stubenwagen des Josef und ein Hofbild.

Bereits am Vormittag wurden die ersten Zeugen vernommen. Zunächst wurden die Auffindungszeugen Lorenz Schlittenbauer, Michael Pöll und Jakob Sigl vernommen.

Es wurden dann die Zeugen Hans und Eduard Schirovski vernommen, die als Kaffeevertreter am 01.04.1922 am Anwesen Hinterkaifeck keinen Einlass finden konnten. Außerdem wurde die Schwester der ermordeten Magd, Franziska Schäfer, vernommen, Bernhard Gruber, der Bruder des ermordeten Andreas Gruber, Cäzilia Starringer, die Tochter der ermordeten Cäzilia Gruber aus erster Ehe, sowie Josef Schrätzenstaller, der Angaben zum letzten Knecht auf Hinterkaifeck machen sollte. Die Aussage der Schwester der ermordeten Magd umfasst nur 16 Schreibmaschinenzeilen, ein Beispiel dafür, dass die Zeugen nur recht oberflächlich vernommen wurden.

Die Fährtenhunde suchten die Umgebung des Anwesens ab ohne Spuren zu finden. Bereits gegen 15.00 Uhr machte sich die Münchner Polizeidirektion zurück auf den Weg nach Gröbern von dort aus fuhren sie nach München ab. Gegen 19.00 Uhr trafen sie wieder in München ein.

Somit steht fest, dass Kriminalinspektor Reingruber nur am 05.04.1922  von 6.00 Uhr morgens bis 15.00 Uhr nachmittags am Tatort war . Sie ist nie wieder dorthin zurückgekehrt.

Eine Tatortskizze wurde nicht angefertigt, daktyloskopische Spuren wurden ebenfalls nicht gesichert.

Die Münchner Polizeidirektion hatte nie Einsicht in die Taufbücher genommen, was dazu geführt hat, dass das Alter der Cäzilia Gabriel fälschlicherweise jahrzehntelang in allen Veröffentlichungen immer mit 9 Jahren angegeben wurde. Ursächlich hierfür war eine falsche Altersangabe der Cäzilia durch Bürgermeister Greger im Verhör vom 05.04.1922. Dieses mag später auch immer wieder zu Spekulationen geführt, dass Cäzilia nicht die Tochter von Karl Gabriel war, weil dieser Viktoria Gabriel erst 1914 geheiratet hat.

Am 6.4.1922 fertigte Kriminaloberinspektor Reingruber in München ein siebenseitiges Protokoll über den Mordfall Hinterkaifeck an.

So dürftig die Arbeit der oberen Polizeibeamten aus München am Tatort auch war, die Höflichkeit kam indes nicht zu kurz, wie ein am 09. Mai 1922 datiertes Dankesschreiben der Beamten Kollmer und Neuss an den Bürgermeister Greger beweist:

"Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
nachdem wir einstweilen unsere Tätigkeit abgeschlossen haben ohne aber aufzuhören die weiteren Fäden auszuspinnen, möchten wir, nachdem wir vorläufig nun wieder zu hause sind, nicht versäumen Ihnen, mein lieber Herr Bürgermeister und Ihrer sehr geschätzten Frau Gemahlin für Ihre liebenswürdige Aufnahme und Verpflegung unseren herzlichsten Dank nochmals auszusprechen.
Sie dürfen versichert sein, dass wir niemals Ihr Entgegenkommen, sei es in dienstlicher, als auch in privater Art gewesen, vergessen werden und sollte es sich jemals die Gelegenheit bieten, uns durch Revanche dankbar zeigen zu können, so werden wir selbstverständlich alles aufbieten uns zu bemühen unsere Schulden gleichmachen zu können.
Für heute seien Sie nun mit Ihrer werten Familie vielmals herzlichst gegrüßt und verbleiben unter vorzüglicher

Hochachtung, Neuß / Kollmer"


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Die Ergebnisse der Obduktion

Am 6.4.1922 trafen der Landgerichtsarzt Dr. Johann Baptist Aumüller und der Kanzleiassistent Heinrich Ney in Hinterkaifeck ein. Ein Gendarm wurde von Dr. Aumüller angewiesen eine Tür auszuhängen und diese auf zwei Holzböcke auf dem Hof zu legen. Dort wurden nacheinander die Leichen unter freiem Himmel obduziert.

Am 6.4.1922 obduzierte Dr. Aumüller die Leichen von Cäzilia Gruber, Viktoria Gabriel und Cäzilia Gabriel.

Cäzilia Gabriel

Bei dem Kinde war der Unterkiefer zertrümmert (Quelle: Telefonnotiz Polizeipräsidium München vom 7.4.1922)

Dr. Aumüller erklärte bei der Sektion der 11-jährigen Viktoria Gabriel (An. er meint Cäzilia Gabriel), dass das Kind bei rechtzeitiger Tatentdeckung noch hätte gerettet werden können, nachdem durch den Schlag eine Halsverletzung herbeigeführt worden ist, die erst 2-3 Stunden nach dem Schlag den Tod herbeiführte. (Quelle: Aussage des Heinrich Ney vom 19.1.1953)

Die Leiche weist starke Kopfverletzungen auf. Die Schädeldecke sei mit mehreren Schlägen zertrümmert worden. Am Hals zeigt sich eine breit klaffende, quer verlaufende Wunde. Neben der Nase, auf der rechten Gesichtshälfte, befindet sich eine kreisförmige Wunde, das Gesicht ist blutverschmiert.

In den verkrampften Fingern der rechten Hand befanden sich Haarbüschel, was in mehreren Zeitungsartikeln in den Tagen nach der Tat erwähnt wird.

Cäzilia Gruber

Das Gesicht der Frau Gruber war ebenfalls in der Gegend des rechten Auges zerschlagen.(Aussage des Heinrich Ney vom 20.3.1953)

Cäzilia Gruber hatte sieben Schläge auf dem Kopfe, ferner Würgespuren, ferner einen Schlag auf den Kopf in Triangelform. Die Schädeldecke war gesprungen. ( Quelle: Polizeipräsidium München, Telefonnotiz vom 7.4.1922)

Viktoria Gabriel

Viktoria Gabriel hatte neun “sternförmige” Wunden am Kopf und Würgemale am Hals. Sie war nicht schwanger. (Quelle: Schreiben des StA Renner vom 10.4.1922 an den Vorgesetzten OStA beim OLG Augsburg)

Ihre rechte Gesichtshälfte war mit einem stumpfen Gegenstand eingeschlagen. An der oberen Schädeldecke befand sich eine kleine runde Verletzung von einem spitzen Werkzeug herkommend. Die Schädeldecke war zertrümmert. (Quelle: Polizeipräsidium München Telefonnotiz vom 7.4.1922)

Am 7.4.1922 obduzierte Dr. Aumüller die Leichen von Maria Baumgartner, Josef Gruber und Andreas Gruber

Maria Baumgartner

Die Magd Maria Baumgartner wurde durch kreuzweise Hiebe auf den Kopf getötet. Ihr Gesicht war blutverkrustet. ( Quelle: Augenscheinsprotokoll Oberamtsrichter Wießner vom 5.4.1922)

Ihr Hinterkopf wies ein Loch auf, das 4cm tief und blutverkrustete war und vermutlich von einer spitzen Hacke herrührte. (Quelle: Aussage des Heinrich Ney vom 20.3.1953)

Josef Gruber

Der im Stubenwagen liegende Josef Gruber wurde durch einen wuchtigen Schlag mitten ins Gesicht getötet, wobei auch das Dach des Kinderwagens zerstört wurde. (Aussage des Heinrich Ney vom 20.3.1953)

Andreas Gruber

Die rechte Gesichtshälfte des alten Herrn Gruber war zergeschlagen. Die Backenknochen standen heraus, das Fleisch war zerfetzt, das Gesicht war von Blut verkrustet (Aussage des Heinrich Ney vom 20.3.1953)

Nach der Obduktion wurde allen Opfern der Kopf abgetrennt. Dr. Aumüller hatte kurz zuvor einen Fortbildungskurs für Landgerichtsärzte besucht. Dort wurde vermittelt, dass die Köpfe von Ermordeten die besten Beweismittel seien, sofern die Tatwaffe nicht bekannt sei. Die Opfer wurden ohne Köpfe in die Särge gelegt.

Quellen:

Es existieren bislang zu den Ergebnissen der Obduktion neben den Aussagen des Heinrich Ney aus dem Jahr 1953 nur eine Telefonnotiz vom 7.4.1922 und ein Schreiben des StA Renner vom 10.4.1922 an seinen Vorgesetzten, den Oberstaatsanwalt beim Landgericht Augsburg. Bei der Telefonnotiz vom 7.4.1922 handelt es sich um ein Telefongespräch zwischen der Staatsanwaltschaft beim LG Neuburg und der Münchner Polizeidirektion. In diesem Telefongespräch erwähnt StA Renner, dass Würgespuren an der Leiche der Cäzilia Gruber vorhanden waren. Würgespuren an der Leiche von Victoria Gabriel erwähnt er nicht, obwohl er im Telefongespräch auch die Ergebnisse ihrer Obduktion mitteilt. Im Schreiben vom 10.4.1922 teilt StA Renner mit, dass an der Leiche der Victoria Gabriel Würgespuren vorhanden waren. Würgespuren an der Leiche der Cäzilia Gruber erwähnt er nicht. Somit kann man davon ausgehen, dass StA Renner widersprüchliche Angaben zu den Würgespuren gemacht hat. Es lässt sich ohne Obduktionsprotokoll nicht mit der erforderlichen Sicherheit festellen an welcher weiblichen Leiche nun Würgespuren vorhanden waren.

Im Leuschner-Buch 3. Aufl. 2007 S. 373 ist zu lesen, dass Heinrich Ney ausgesagt habe, es seien Würgespuren nur an der Leiche der Victoria Gabriel festgestellt worden. Hierbei muss es sich um einen Irrtum handeln, denn Ney sagt über Würgespuren nichts aus.

(Anm. Siehe auch allmystery.de Beitrag von @kcefiak vom 18.2.2008, 20.51 Uhr, siehe außerdem Beitrag von @kcefiak vom 19.2.2008 22.31 Uhr, siehe Beitrag von @grisu035 vom 17.3.2008 4.48 Uhr, siehe Beitrag von @kcefiak vom 30.3.2008, 21.07 Uhr)

Gemäß § 87 II StPO soll eine Leichenöffnung von zwei Ärzten vorgenommen werden, wobei ein Arzt Gerichtsarzt, bzw. Rechtsmediziner sein muss. Die sechs Opfer von Hinterkaifeck wurden, soweit bislang bekannt, nur vom Gerichtsarzt des Landgerichts Neuburg, Dr. Johann Baptist Aumüller obduziert.

Ein Obduktionsprotokoll, wie es eigentlich im Rahmen einer forensischen Leichenöffnung angefertigt werden soll und von den ausführenden Ärzten unterschrieben werden soll, liegt bislang nicht vor. Möglicherweise ist es während des Brandes der Justizgebäude in Augsburg im Jahr 1944 zerstört worden. Allerdings wird auch 1926 nicht auf ein Obduktionsprotokoll Bezug genommen, als StA Pielmaier einen zusammenfassenden Bericht über den Mordfall Hinterkaifeck erarbeitete, der im Staatsarchiv Augsburg einzusehen ist.


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Der “Heuteppich” auf dem Dachboden

Am 05.04.1922 hat die Münchner Polizeidirektion zusammen mit der Gerichtskommission des Amtsgerichts Schrobenhausen den Speicher besichtigt, der sich ohne Brandmauer über den Stadel und das Wohnstallhaus erstreckt. Im Leuschner-Buch 1. Aufl. 1997 S.42 wird erwähnt, dass Reingruber plötzlich entdeckt habe, dass auf dem Bretterboden lose vertreutes Heu herumgelegen hat. Er habe darauf hingewiesen, dass die Täter wie auf einem Teppich gehen konnten, ohne dass die Bewohner unten ihre Schritte hören konnten. Reingruber ist somit davon ausgegangen, dass das Verstreuen des Heus zur Tatvorbereitung gehört hat. Der Bericht des Georg Reingruber ist im Münchner Staatsarchiv allerdings nicht vollständig vorhanden. Es sind nur die Seiten fünf bis sieben erhältlich. Auf diesen Seiten wird der "Heuteppich" ebenfalls nicht erwähnt, möglicherweise jedoch auf den ersten vier Seiten des Berichts, die Peter Leuschner jedoch 1997 wohl noch einsehen konnte.

Zeugenaussagen zum "Heuteppich" liegen allerdings nicht vor. Oberamtsrichter Wießner erwähnt im Augenschein-Protokoll vom 05.04.1922 den Heuteppich ebenfalls nicht, obwohl er hinsichtlich der Durchsuchung des Dachbodens das Heuseil und die verschobenen Dachziegel erwähnt. Auch Staatsanwalt Pielmaier erwähnt in seinem Bericht vom 06.11.1926 das ausgelegte Heu nicht.

Insbesondere berichtet auch Georg Kerner in seiner Aussage aus dem Jahr 1951 nichts über den Heuteppich, obwohl er von allen Zeugen am detailliertesten über den Dachboden berichtet. Neben den Liegestellen im Heu sind ihm sogar Speckschwarten aufgefallen, die in der Nähe dieser Stellen gelegen haben sollen. Auch Heinrich Ney, der seinen Angaben zufolge den Dachboden besichtigt hat und sogar Menschenkot in Nähe der Liegestellen gesehen haben will, erwähnt den Heuteppich in seiner Aussage von 1952 nicht.

Das Vorhandensein des Heuteppichs wurde einige Tage nach der Tat in diesem Zusammenhang auch im Schrobenhausener Wochenblatt erwähnt. Hier heisst es:
"Denn aus verschiedenen Umständen wird geschlossen, das die Mörder bereits mehrere Tage im Hause waren. Es war Heu ausgebreitet, um den Schall der Schritte zu dämpfen, an zwei Stellen war auch das Heu zusammengelegen."

Interessant hierzu ist aber ein Beitrag der Userin @Theresia. Sie hat festgestellt, dass man früher darauf geachtet habe, dass Heu auf dem ganzen Dachboden verteilt wird, nicht ein Fleck habe freibleiben dürfen. Das habe man zur Isolierung gemacht, damit die Stalldecke nicht schwitzen konnte. Wenn das Heu dann weggenommen worden sei, sei eine dicke Schicht aus Samen, Blüten und Kleinteilen zurück geblieben, welche man dann auf kahle Stellen auf der Wiese verstreut oder als Badezusatz zur Behandlung von Hautkrankheiten verwendet hat.


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Die Tatwaffe(n)

Nach jetzigem Kenntnisstand scheinen von den Ermittlern eine 1922 im Futtertrog aufgefundene Spitzhacke, eine 1923 bei den Abbrucharbeiten im Fehlboden des Hauses aufgefundene sogenannte Reuthaue und ein 1923 im Heu (oder Stroh?) aufgefundenes Taschenmesser als Tatwaffen bzw. mögliche Tatwaffen diskutiert worden zu sein. Zu dem bei den Abbrucharbeiten aufgefundenen (angeblich blutigen) sog. Bandeisen gibt es keine dokumentierte Einschätzung, daß dieses als Tatwerkzeug angesehen worden wäre.

1.) Im Zuge der Ermittlungen nach der Entdeckung der Tat wurde am 05.04.1922 eine im Futtertrog der Rinder aufgefundene Spitzhacke sichergestellt (siehe auch Leuschner, 3. Auflage, S.42). Blutanhaftungen konnten nicht nachgewiesen werden, was man damit zu erklären versuchte, daß die Spitzhacke von den Rindern abgeleckt worden sein könnte. Dr. Aumüller scheint (einer Notiz von Kommissar Reingruber folgend) die Spitzhacke zumindest nach den ersten drei obduzierten Opfern nicht als mögliche Tatwaffe angesehen zu haben.

2.) Im Februar 1923 wurde von Josef Gabriel (einem Bruder von Karl Gabriel) im Rahmen der Abbrucharbeiten auf dem Anwesen Hinterkaifeck im Fehlboden des Hauses (neben dem Kamin) eine blutbefleckte sogenannte Reuthaue entdeckt und in der Folge der örtlichen Polizei übergeben. Über den Umweg des Amtsgerichts Schrobenhausen gelangte die Reuthaue dann zur Polizeidirektion in München. Im dortigen kriminaltechnischen Labor ist die Reuthaue (ergebnislos) auf (brauchbare) Fingerabdrücke untersucht worden. Neben Menschenblut wurden Haare von Menschen wie auch Tierhaare (vermutlich einer Katze oder eines Kaninchens) nachgewiesen. Ob die Reuthaue auch vom Obduzenten Dr. Aumüller in Augenschein genommen wurde und dieser anhand dieses Tatwerkzeuges seine Einschätzung von 1922 überprüft hat bzw. präzisieren konnte, ist nicht bekannt.

3.) Bei den Abbrucharbeiten wurde im Stadel ein (rostiges) Taschenmesser gefunden, bei der örtlichen Polizei abgeliefert und in der Folge in München ergebnislos auf Blutanhaftungen untersucht. Laut Aussage der ehemaligen Hinterkaifecker Magd Kreszenz Rieger stammte dieses Taschenmesser aus dem Besitz des Andreas Gruber.

4.) Ebenfalls im Stadel von Hinterkaifeck wurde bei den Abbrucharbeiten 1923 ein angeblich blutiges Bandeisen gefunden. Wie dieses Bandeisen beschaffen war (Länge, Breite, Dicke, gebogen, aufgerollt?), ist nicht überliefert. Von wem die Einschätzung “blutig” vorgenommen wurde, ist ebenfalls nicht bekannt. Es gibt keine Aufzeichnungen, die belegen, daß dieses Bandeisen jemals kriminaltechnisch untersucht wurde.

(Anm.: Eventuell wurde das Bandeisen von den Ermittlern aufgrund seiner Beschaffenheit und aufgrund der Ergebnisse der Obduktion nicht als mögliches Tatwerkzeug angesehen und deshalb nicht weiter untersucht. Auch die Einschätzung (der Auffinder?), daß das Bandeisen blutig gewesen sei, wurde eventuell nicht geteilt. Aber auch dazu gibt es keinerlei Erkenntnisse.)


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Die Ermittlungen gegen die Gebrüder Adolf und Anton Gump

Gegen Anton Gump wurde durch die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Augsburg noch im Jahre 1952 ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Tatbeteiligung am Mordfall Hinterkaifeck eingeleitet. Der seinerzeit zuständige Staatsanwalt Dr. Popp führte an, dass Anton Gump die Tat gemeinsam mit seinem 1944 verstorbenen Bruder Adolf Gump begangen habe. Die Annahme war ursprünglich durch eine Anschuldigung begründet, die die Schwester der Gumps, Kreszentia Mayer auf dem Sterbebett gegenüber dem Priester Anton Hauber erhoben hatte.

Staatsanwalt Dr. Popp ist davon ausgegangen, dass der im Jahre 1889 in Karlskron geborene Korbflechter Adolf Gump eine intime Beziehung zu Viktoria Gabriel hatte und dass es deshalb zwischen ihm und Andreas Gruber zu Eifersuchtsszenen gekommen sei, insbesondere auch nach der Geburt des kleinen Josef im Jahre 1919. Diese sollen dann in die Ermordung der sechs Bewohner von Hinterkaifeck gemündet haben.

Adolf Gump hatte sich im Frühjahr 1919 dem Freikorps Oberland angeschlossen und begab sich mit diesem u.a. nach Oberschlesien.

Beim Landgericht Oppeln war gegen ihn und drei weitere Verdächtige ein Strafverfahren anhängig, in dem ihm vorgeworfen wurde, im November 1921 nach den Aufständen in Oberschlesien neun Bauern ermordet und beraubt zu haben. Gump hatte sich diesem Strafverfahren durch Flucht entzogen, so dass davon auszugehen ist, dass im Frühjahr 1922 ein Fahndungsersuchen aufgrund dieses Strafverfahrens bei der für seinen Heimatbezirk zuständigen Staatsanwaltschaft beim Landgericht Neuburg vorgelegen hat.

Da Gump in Karlskron geboren ist und damit in der Nähe von Waidhofen und Hinterkaifeck aufgewachsen ist kann man auch davon ausgehen, dass Reingruber deshalb darum gebeten hat, im Rahmen einer Festnahme auch Gumps Alibi für den 30.03. und 31.03. zu überprüfen.

Mit Schreiben vom 09.04.1922 ersucht er die Gendarmeriestationen in Karlskron und Schrobenhausen nach Gump zu fahnden, da nicht auszuschließen sei, dass er auch am Raubmord in Hinterkaifeck beteiligt war.

Am 12.8.1926 wurde Anton Gump in Emersacker festgenommen und tags darauf in das Amtsgerichtsgefängnis Wertingen eingeliefert. Von dort wurde er umgehend in das Amtsgerichtsgefängnis Donauwörth überführt, wo er bis zu seinem Prozess vor dem Landgericht in Regensburg einsitzen musste.

In einem erhaltenen Schreiben der Gendarmeriestation Emersacker wird darauf hingewiesen, dass Gump 1924 – 1926 in vier bayerischen Polizeiblättern zur Verhaftung ausgeschrieben war. Am 21.10.1926 kam es dann zu einem Prozess gegen Gump und seine Lebensgefährtin Magdalene Stampfl.

Anton Gump wurde vom Vorwurf des Umherziehens freigesprochen , wegen "intellektueller Urkundenfälschung" und Betrugs wurde er allerdings zu vier Monaten und drei Tagen Haft verurteilt. Seine Lebensgefährtin wurde aus gleichen Gründen sogar zu vier Monaten und 15 Tagen Haft verurteilt.

Heinrich Ney gab am 20.3.1953 an, Anton Gump sei auch zu Hinterkaifeck richterlich vernommen worden, zusammen mit Staatsanwalt Renner habe er selbst an der Vernehmung teilgenommen, dieser habe ihm gegenüber nach der Vernehmung geäußert: „Dies war auch wieder nichts.“

Staatsanwalt Dr. Popp ordnete dennoch Ende 1951 und Anfang 1952 im Ermittlungsverfahren gegen Anton Gump zahlreiche Zeugenbefragungen an, da ein Großteil der früheren Ermittlungsakten im Mordfall Hinterkaifeck verbrannt war. Im Rahmen dieser Ermittlungen wurden nochmals viele Bauern aus der Gröberner Nachbarschaft vernommen um zu klären, ob Viktoria Gabriel in den Jahren vor der Tat ein intimes Verhältnis zu dem Korbflechter Adolf Gump unterhalten hatte. Dies konnte allerdings durch keinerlei Zeugenaussage belegt werden.

Der Zeuge Jakob Sigl belastete hingegen in seiner Aussage vom 10.01.1952 massiv den damals schon verstorbenen Bauern Lorenz Schlittenbauer.

Da Staatsanwalt Popp diese Aussage des Sigl im Ermittlungsverfahren gegen Gump nicht vorlegen konnte, beantragte er eine weitere richterliche Vernehmung des Zeugen Sigl. Zuvor kennzeichnete er im polizeilichen Vernehmungsprotokoll von 1952 alle belastenden Angaben gegenüber Schlittenbauer und bat den Richter, das Protokoll ohne diese markierten Angaben zu zitieren. Dadurch waren die belastenden Angaben Schlittenbauers betreffend im richterlichen Vernehmungsprotokoll nicht mehr enthalten.

Zum Abschluss der Ermittlungen wurde dann am 06.05.1952 ein Haftbefehl gegen Anton Gump ausgestellt und er wurde in die JVA Augsburg 2 gebracht. Am 29.5.1952 wurde Anton Gump wieder aus der Untersuchungshaft entlassen. Als Grund für die Haftentlassung wurde die damals geltende 20jährige Verjährungsfrist für Mord angegeben. Zudem konnte nicht nachgewiesen, dass die Verjährung durch eine gerichtliche Ermittlung unterbrochen wurde.

Durch die darauf folgende Berichterstattung in vielen Printmedien, die Anton Gump als Mörder stempelten, der nur durch Verjährung seiner angeblich gerechten Strafe entging, wurde Gump's Reputation schwer geschädigt. Zudem ergab die spätere Befragung weiterer Zeugen, dass Kreszentia Mayer, die ihre beiden Brüder auf dem Sterbebett der Tat bezichtigt hatte, es in der Vergangenheit mit der Wahrheit öfters nicht so genau genommen hätte.

Durch Verfügung des Oberstaatsanwaltes Dr. Herrenreiter wurde das Ermittlungsverfahren gegen Anton Gump schliesslich am 22.02.1954 unter dem Hinweis auf die Verjährung endgültig eingestellt.

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Die fehlende Aussage von Pfarrer Haas

Peter Leuschner schreibt auf Seite 7/8 in “Der Mordfall Hinterkaifeck” (3. Auflage): “Rätselhaft wie der Mordfall selbst sind auch die Akten. Da fehlen beispielsweise die Aussagen des ehemaligen Ortsgeistlichen. In einem später angelegten alphabetischen Namensverzeichnis heißt es unter “H” in einer winzigen handschriftlichen Bleistiftnotiz: “Pfarrer Haas in Waidhofen fehlt!! Bd. III/1061.” Der Bezeichnung “1061” nach zu schließen, war es nur ein Blatt. Was aber stand darauf? Oder sollte der Ortsgeistliche gar nicht richtig vernommen worden sein?”

Leuschner unterliegt hier offensichtlich einem Irrtum. Im genannten Registerband, dem alle drei Teilbände der Münchner Akten zugrunde liegen, fehlt die Seite 1061 keineswegs. In diesem Registerband sind alle in den Akten aufscheinenden Zeugen und Tatverdächtigen namentlich mit den entsprechenden Verweisen aufgeführt. Eine letzte Beiheftung zu Band III trägt das Datum 22. Februar 1941. 1952 wurde der Registerband zeitweise nach Augsburg abgegeben. In der Zwischenzeit dürfte dieses Register von einem unbekannten Bearbeiter angefertigt worden sein.

Pfarrer Haas ist von diesem Bearbeiter anscheinend übersehen worden, handschriftlich wurde später nachgetragen: “Pfarrer Haas in Waidhofen fehlt!!”. Verwiesen wird mit “S. 1061” aber nicht auf eine Aussage von Haas, sondern auf die Vernehmung des Lehrers Hans Yblagger vom 19. Februar 1931, der von Oktober 1922 bis Oktober 1927 in Waidhofen tätig war. Dort ist zu lesen: “Ich habe natürlich auch mit Pfarrer Haas öfter über den Mordfall gesprochen. Es sind da aber unsere Meinungen über den Täter auseinander gegangen. Während Pfarrer Haas immer den Gütler Kaspar für den verdächtigeren hielt, war ich der Meinung, dass Schlittenbauer mehr verdächtig wäre.”

Eine weitere (im Registerband auch nachträglich nicht eingetragene) Erwähnung von Pfarrer Haas findet sich in der Niederschrift der Vernehmung von Wenzeslaus Bley vom 08.08.1930. Bley beruft sich dabei auf Yblagger. Haas soll diesem erzählt haben, daß er Lorenz Schlittenbauer “wegen seinem Leiden nach Wörishofen geschickt habe”.

Einen indirekten Hinweis auf eine eventuelle Vernehmung von Pfarrer Haas könnte der Bericht des Oberinspektors Xaver Meiendres vom 12.08.1948 bieten. Meiendres stellt allerdings klar, daß er den Bericht (26 Jahre nach der Tat) aus der Erinnerung und ohne ihm vorliegende Akten verfasst habe. Pfarrer Haas ist in diesem Bericht im Zusammenhang mit den “700 Mark in Gold” genannt, die ”etwa 14 Tage vor der Tat” in den Beichtstuhl der Pfarrkirche von Waidhofen abgelegt worden seien. Der Pfarrer, “der die wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Pfarrkinder ziemlich genau kannte, war davon überzeugt, daß nur ein Mitglied der Familie Gruber von Hinterkaifeck das Geld in den Beichtstuhl gelegt haben konnte.” Er habe daraufhin Viktoria Gabriel in sein Pfarrhaus bestellt.

Wenn Haas – speziell auch zu den 700 Goldmark im Beichtstuhl – vernommen worden sein sollte, dann dürfte dies wohl bereits 1922 geschehen sein. Eine entsprechende Niederschrift existiert offensichtlich nicht (mehr) und ist eventuell mit den Akten der Neuburger Staatsanwaltschaft 1944 in Augsburg verbrannt.


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Noch existierende Fotos von Hinterkaifeck bzw. den Bewohnern

Von den ehemaligen Bewohnern von HK sind bisher – mit Ausnahme des auch hier in der ´Fotogalerie´ abgebildeten Karl Gabriel – keine Fotografien aufgefunden worden. Durch eine erst im April 2008 verstorbene Zeitzeugin ist mittlerweile gesichert, daß zumindest ein Foto des Kirchenchores von Waidhofen existiert haben muß, auf dem Viktoria Gabriel abgebildet war. Auch dieses Foto liegt bisher (noch) nicht vor. Daß ein Hochzeitsfoto von Viktoria und Karl Gabriel existiert hat, wird angenommen, ist aber nicht gesichert.

Vom Anwesen HK scheint es zwei Aufnahmen zu geben: Eine Aufnahme (hier in der ´Fotogalerie´ und bei Leuschner, 3. Auflage, S.291) ist am 05.04.1922 im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen angefertigt worden. Eine weitere Aufnahme aus unbekanntem Besitz, die einige Zeit vorher (noch zu Lebzeiten der Bewohner) entstanden sein müsste, war zusammen mit dem Foto der sechs Särge in einem Bericht der Zeitschrift “Weltbild” abgebildet.

2008 konnte vom Allmystery-User ´hauinolo´ ein Klassenfoto von 1921 beigebracht werden, daß die Schüler (mehrerer Alterstufen) der Volkschule Waidhofen zeigt. Eine Identifizierung von Cäcilia Gabriel ist bisher noch nicht gelungen.


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Der Mordfall aus Profiler-Sicht

Klaus Wiest, Hauptkommissar der Abteilung für „Operative Fallanalyse für Tötungs- und Sexualdelikte“ am Münchner Polizeipräsidium ist das, was man nach dem Vorbild des amerikanischen FBI einen „Profiler“ nennt. Ausgehend von den Tatortspuren und allen verfügbaren Ermittlungsergebnissen versucht er, Persönlichkeitsprofile von Tätern zu erstellen. 2005 ist Klaus Wiest zu Konrad Müller gefahren und hat sich mit seinem Kollegen einen Nachmittag lang über Hinterkaifeck unterhalten. Miteinander haben sie Akten gewälzt, und Wiest hat daraus das bis dato letzte amtliche Papier verfasst. „Alles deutet auf persönliche Motive hin“, hat Wiest in dem Gutachten festgestellt. Es müsse „Spannungen im unmittelbaren sozialen Umfeld gegeben haben“, einen „emotionalen Konflikt zwischen Tätern und Opfern“.

Quelle: SZ (2007)


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Die historischen Akten

Dank der Hilfe vieler User aus dem Forum von hinterkaifeck.net sind nun wesentliche Teile der in Augsburg und München eingelagerten Akten über den Mordfall erstmals zugänglich und können hier online eingesehen werden.

weiter lesen...


Der "FFB-Bericht"

Der im Jahr 2007 an der Fachhochschule für Verwaltung und Recht in Fürstenfeldbruck bei München erstellte Bericht über den Mordfall Hinterkaifeck ist hier erstmals öffentlich zugänglich.

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Sterbebildchen

Das im Kirchlein Sankt Vitus in einem alten Kirchenbuch gefundene Bildchen der Hinterkaifecker Opfer gibt auch heute noch Rätsel auf.

Lesen Sie hier, warum...


Danksagung

Der Dank der Betreiber dieser Seiten richtet sich für ihre inhaltliche Zu- und Mitarbeit an alle "Privatermittler", welche den Mordfall Hinterkaifeck durch ihr privates Engagement und erheblichen Rechercheaufwand nicht in Vergessenheit geraten lassen.

 

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